Apenninen

Beitragsseiten

auf dem Franziskusweg

001

Seit Jahresbeginn trage ich mich mit dem Gedanken, einmal pilgern zu gehen. Den Alltag auf den Kopf stellen, körperliche Grenzen austesten, in die Natur eintauchen und hinspüren, was als Gotteserfahrung zu verstehen wäre – so stelle ich mir das vor. 800 Jahre nach dem Tod des mittelalterlichen Ordensgründers Franziskus stoße ich auf einen Zeitungsbericht über die Via di Francesco, den Franziskus-Pilgerweg. In dem Buch The Way of St Francis: Via di Francesco, von Sandy Brown, schaue ich mir die einzelnen Etappen an. Im März schreibe ich Klöster, Hotels und Pensionen an. Langsam entsteht ein Plan. Das Zugticket nach Florenz ist recht günstig. Die Rückfahrt von Assisi sieht etwas komplizierter aus, aber das kann ich später noch entscheiden. Natürlich will ich in Italien auch nach Orchideen schauen. In der Community frage ich nach der besten Blütezeit und entscheide dann, dass es Mitte April 2026 losgehen soll.

Apenninen - ein Überblick

002

Die Via di Francesco führt durch mehrere Regionen der Apenninen. Östlich von Florenz geht es hinauf auf das Pratomagno-Massiv, das zum Toskanischen Apennin gehört und eine Höhe von 1592 Metern erreicht. Dieses Sandsteingebirge zwingt den Arno, den zweitgrößten Fluß Italiens, zu einem großen Bogen, ehe er seine Hauptrichtung von Ost nach West einschlagen kann. Nach dem Pratomagno erreicht der Weg den Casentino, der mit 1658 Metern noch etwas höher hinaufragt. Hier beginnen die ausgedehnten Wälder des Nationalparks Foreste Casentinesi, in denen auch die Klosteranlage La Verna liegt, ein wichtiges Etappenziel des Franziskuswegs. 

004


005

Dahinter erreicht der Weg in 1254 Metern über dem Meeresspiegel seinen höchsten Punkt auf dem Monte Calvano. Nun geht es hinab ins obere Tibertal. Der längste Fluss in Italien wird bei Pieve Santo Stefano erreicht. Von dort geht es hinauf in den mittleren Apennin mit dichten Wäldern, in denen es nur wenige kleine Dörfer gibt. Das ändert sich in Sansepolcro, wo der Pilgerweg wieder auf den Tiber trifft und diesem in einem Bogen bis nach Cittá di Catello folgt. Inzwischen hat der Weg die Toskana verlassen und ist in Umbrien eingetroffen. Der dritte Fluss, der die Via di Francesco prägt, ist der Chiascio. Er entsteht aus mehreren kleineren Wasserläufen in der Nähe von Gubbio, fließt weiter nach Valfabbrica, um dann südwestlich von Assisi in einem breiten Tal in den Tiber zu münden.   

 

 

Auf dem Weg von Florenz nach Assisi habe ich 330 km zurückgelegt, mit Umwegen und botanischen Abstechern sind das etwas mehr als der offizielle Streckenverlauf von 274,1 km. Der gesamte Weg von Florenz nach Rom ist mit 517,6 km angegeben - diese Erfahrung haben dann Mitpilgerinnen und Mitpilger vieler Begegnungen unterwegs gemacht wie Holger, Christine und Georges, Katharina, Anne und Gerard.      

003

 


Florenz

Am 14. April komme ich am späten Nachmittag in Florenz an. Einen Tag nehme ich mir Zeit für die Stadt, besichtige auch den Dom mit dem botanisch ansprechenden Namen Santa Maria del Fiore, gewidmet der Heiligen Maria der Blume - gemeint ist wohl die Liliie als Symbol der Reinheit.

 

Mein besonderes Interesse aber gilt dem Ausgangspunkt des Franziskuswegs, der franziskanischen Basilika Santa Croce. Hier bekomme ich den ersten Stempel in meinem vom Bistum Gubbio ausgestellten Pilgerpass und schaue mir in der Kirche und dem benachbarten Kloster die zahlreichen Hinweise auf Franziskus an. Darunter ist ein Altarbild, das den Heiligen mit Stationen aus seinem Leben zeigt und das nur 20 Jahre nach seinem Tod entstanden ist. Darunter ist auch eine Darstellung, wie Franziskus mit Vögeln spricht - eine der Legenden, die Franziskus in einer besonders engen Verbindung mit der Natur sehen. 

008

 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

 

Im Arno-Tal

Nach einer unruhigen Nacht im Mehrbettzimmer des Hostels und einem Kaffee mit Croissant in einer Bar laufe ich am 16. April zur Kirche Santa Croce. Von dort sind es nur wenige Schritte zum Ufer des Arno, dem ich heute folgen werde. 
 
009
 
Der Weg am rechten Arno-Ufer ist zunächst noch städtisch geprägt. Ich versuche, meinen Rhythmus zu finden, mich an den rund zehn Kilogramm schweren Rucksack zu gewöhnen. Hinter der Ortschaft San Jacopo al Girone geht es durch Olivenhaine einen Hügel hinauf und sofort werden Landschaft und Vegetation anmutiger. Erst grüßen am Wegrand das Weichhaarige Schwefelkörbchen (Urospermum dalechampii) und der Italienische Aronstab (Arum italicum). Dann sehe ich auch die erste Orchidee des Pilgerwegs, das Purpurknabenkraut (Orchis purpurea). Wie sich später zeigt, ist es die häufigste Orchidee auf dem Franziskusweg.
010
 011
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der Weg führt dann wieder ins Tal hinab und bald erreiche ich mein Tagesziel, das Städtchen Pontassieve.
 

Hinauf zum Consuma-Pass

Am nächsten Tag erwartet mich eine Etappe mit langen Steigungen. Umgeben von den Reben des Weinguts Frescobaldi liegt das Castello di Nipozzano. Die Weinberge begleiten mich bis zum Dorf Diacceto, wo eine Bar zu Kaffee und Kuchen einlädt.   
 
012
 
013Danach beginnen ausgedehnte Wälder, aufgelockert von kleinen Wiesenhainen. Die blaue Sternanemone hält ihre Blüten am Morgen noch geschlossen. Weit geöffnet ist aber eine Ragwurz-Orchidee aus der sphegodes-Gruppe. Diese wurde erst 2011 von Rolando Romolini und Romieg Soca (In: Journal Europäischer Orchideen 43/4) als Ophrys minipassionis beschrieben. Zu den besonderen Merkmalen gehört die eher kleine, konvex geformte und rundliche Lippe mit einem kleinen Anhängsel in einer Einbuchtung. Die grünen Petalen der Blüte sind dunkler als die Sepalen. Auffallend bei der hier angetroffenen Pflanze ist der grüne Lippenrand. Der Artname bezieht sich auf Ophrys passionis, die Oster-Ragwurz, die ich in Südfrankreich in den Causses gesehen habe. 
 
014
 
 
 
Neben Orchis purpurea blüht hier auch das Kleine Knabenkraut (Anacamptis morio). In den Wäldern bei Ferrano ist auch das Schwertblättrige Waldvögelein (Cephalanthera longifolia) zuhause und zu meiner Überraschung stoße ich an einem Hang auch auf das Provence-Knabenkraut (Orchis provincialis) mit seinen zarten roten Punkten auf blassgelber Lippe (für das Blütenfoto auf das große Bild klicken). 
 
015
 
Hinter Ferrano geht es steil nach oben, bis ich am späten Nachmittag in Consuma eintreffe, einer kleinen Siedlung an der 1050 Meter hoch gelegenen Passhöhe. Ich beziehe meine Unterkunft im Ospitale di San Domenico - dort treffe ich auch wieder auf Holger, Georges und Christine, mit denen ich zum Abendessen zusammen bin.
 
016 

Wieder ins Arno-Tal hinab

Am nächsten Tag bleibe ich zunächst in Höhen von 800 bis 1100 Metern. Hier ist der Frühling im April noch nicht so weit fortgeschritten. Im Buchenmischwald blüht das Lungenkraut (Pulmonaria officinalis).
 
017
 
018
019
 
In 1070 Metern Höhe stellt sich im Frühlingswald auch das Männliche Knabenkraut (Orchis mascula) ein. Und auf den Wiesen blüht Anacamptis morio. Immer wieder huschen grüne Eidechsen über den Weg. Im winzigen Dorf Gualdo steht ein Holzkreuz an der Straße. Ich überquere einige Höhenzüge und Bäche, bis der schmale Wanderweg wieder ins Arno-Tal hinabführt. Hier ist der Fluss viel kleiner, aber auch natürlicher und wilder als in Florenz. Bald darauf treffe ich in Stia ein. Ich übernachte in der Domus Pacis und treffe mich mit Holger, Georges und Christine zum Abendessen.
 021
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 


Foreste Casentinesi

Am nächsten Morgen folge ich dem schnellen Tempo von Georges und Christine den Berg hinauf. So komme ich bald in die Höhe, ehe ich an einem sonnigen Tag wieder meine Blicke in die Botanik schweifen lasse. Hinter dem Dorf Lonnano mit der romanischen Chiesa dei Santi Vito e Modesto tauche ich in den Süden des Nationalparks Foreste Casentinesi ein, der von alten, naturbelassenen Wäldern geprägt ist. Das Schutzgebiet umfasst eine Fläche von 36.400 Hektar, die zu 84 Prozent bewaldet ist. Häufigster Baum ist mit einem Anteil von 30 Prozent die Rotbuche (Fagus sylvatica), gefolgt unter anderem von der Weißtanne (Abies alba), der Zerreiche (Quercus cerrus) wie der Flaumeiche (Quercus pubescens) und dem Feldahorn (Acer campestre). Den Südostzipfel des Nationalparks bildet der 1289 Meter hohe Monte Penna mit dem franziskanischen Kloster La Verna. 
 
 

030 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Orchideenvielfalt des Nationalparks dokumentiert ein 2023 erschienener Atlante delle Orchidee. Demnach gibt es in dem Gebiet 49 Orchideenarten. Ich durchquere schöne Wiesen mit vielen blühenden Orchideen. Besonders freue ich mich über eine Anacamptis morio, die aus ebenfalls violett blühendem Thymian herausragt. 
 
024
 
Dann studiere ich eine weitere Ragwurz, mit dunkelbrauner Lippe und dunkelbraunem Basalfeld. Die Blüte hat eine kräftige Lippenbehaarung. Nach langem Überlegen komme ich zu dem Schluss, dass dies wohl Ophrys sphegodes ist, mit einer Lippe ohne deutliche Höcker. Der Atlante delle Orchidee führt die Ragwurz der Region als Ophrys classica - doch dieser Name wird inzwischen meist als Synonym von Ophrys sphegodes betrachtet. Franziskus hätte wohl gesagt, diese Blume ist einfach eine Botschaft Gottes, welchen Namen auch immer ihr die Menschen geben wollen.
026
 
027Auch die heller blühende und kleinere Ophrys minipassionis blüht hier. Erst in Knospen028 ist Himantoglossum adriaticum. Bei der Betrachtung dieser Orchidee durchs Objektiv kommt Holger vorbei, wir laufen zusammen bis zum Dorf Casalino und sind dankbar, dass die Hirtenhunde, vor denen am Straßenrand gewarnt wird, heute gnädig gestimmt sind. Im dichten Wald leuchten die hellgelben Blüten von Orchis provincialis. Der Weg führt langsam ins Tal hinab, in dem Menschen im 11. Jahrhundert das Benediktinerkloster Camaldoli bauten.   
 
029

  031

032 

Nach Besichtigung der Klosterkirche beginnt ein steiler Anstieg durch den Wald. Hier muss erst vor kurzer Zeit ein Sturm durchgefegt sein. Der Weg ist mühsam, weil immer wieder Baumstämme quer liegen. Erst in der Höhe wird es angenehmer. Im Rifugio Cottozo gönne ich mir eine Pause und plaudere mit Rachel und Emanuele, die dort mit ihrem Hund Station machen. Durch wunderschöne Buchenwälder steige ich nach Badia Prataglia hinab, das ich nach 29 Kilometern etwas erschöpft erreiche.

033 

Am nächsten Morgen geht es erst in ein Bachtal hinab, dann steil hinauf zum 1134 Meter hohen Poggio Aguzzo. Vorher habe ich noch einen schönen Blick auf das Städtchen Badia Prataglia und passiere einen Fonte del Pellegrino, einen Pilgerbrunnen.

034

An Orchideen sehe ich zuerst eine Blattrosette der Bienenragwurz (Ophrys apifera) - diese blüht erst ab Ende Mai. 

036

 035

 

 

 

 

 

Beim Abstieg vom Aguzzo gelange ich vor dem Dorf Frassineta zu wunderschönen Orchideenwiesen mit Anacamptis morio, Orchis mascula und Orchis provincialis. Der weitere Abstieg nach Rimbocchi ist etwas anstrengend und steinig. Im Ort bekomme ich Kaffee und Kuchen. Dann muss ich die Schuhe ausziehen und die Hosen hochkrempeln, um einen Bach zu durchqueren. 
 
037
Steil führt der Weg zum Poggio Montopoli (1022 m) hinauf. Danach komme ich durch eindrucksvolle Eichen- und Buchenmischwälder. Moosbewachsene Felsblöcke säumen den Weg. Das Herbstlaub ist übersät mit den weißen Blüten des Fiederschaumkrauts (Cardamine heptaphyla).
038039 

 

 

 

 

 

Den letzten Aufstieg zur Pforte des Felsenklosters La Verna säumen die gelben Blütenköpfe der Herzblättrigen Gemswurz (Doronicum columnae).
 
040

 041 

La Verna

Durch diesen Wald zu gehen, ist wie ein Wunder. Er heißt Foresta Sacra, Heiliger Wald. In den Felswänden gibt es immer wieder kleine Öffnungen, Eingänge zu Höhlen, in denen Franziskus und seine Gefährten oder Gefährtinnen vor mehr als 800 Jahren ein hartes Nachtlager fanden. Endlich findet mein suchender Blick auch das erwartete Klostergebäude hoch oben auf dem Felsen. Der Weg zieht sich weiter in einem großen Linksbogen, bis ich die Kapelle der Vögel erreiche. 

042

Hic ubi quercus erat - hier wo die Eiche stand, wurde dieses dem heiligen Franziskus geweihte Kirchlein im Jahr 1602 errichtet. Die Inschrift erinnert daran, wie Franziskus im Jahr 1214 von einer großen Menge Vögel begrüßt wurde, als er den Berg erklommen hatte. Genannt werden dabei der Schwarzspecht (Dryocopus martius), der Waldbaumläufer (Certhia familiaris) und der Waldlaubsänger (Phylloscopus sibilatrix).  
 
043
 
Dann gehe ich durch ein romanisches Bogentor mit der Inschrift: Non est in toto sanctior orbe mons - im ganzen Weltenrund gibt es keinen Berg, der heiliger wäre. 
 
044
 
Erschöpft gehe ich vor dem Altar des kleinen Kirchleins mit dem Rucksack in die Knie. Diese untere Kapelle Santa Maria degli Angeli zeigt in einem Terrakotta-Relief des Florentiner Künstlers Andrea della Robbia (1435-1525) links die Geburt Christi und rechts die Trauer bei der Kreuzabnahme.
 
045
 
Im Kloster bekomme ich eine höchst willkommene Dusche neben dem Schlafsaal der Pilger und ein großes Bier, das ich zusammen mit Holger trinke. Wir nehmen zusammen an der Vesper der Mönche teil und bekommen zum Abendessen ein feines Pilzrisotto.
 
046
 
Am frühen Morgen, es ist der der 21. April, nehme ich an den Laudes in der Klosterbasilika teil, mit einem besonderen Segen für die Pilgerinnen und Pilger. 
 
 048047
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

Valtiberina 

Nach einem Frühstück nehme ich Abschied von La Verna und laufe weiter.
Am Monte Calvano ist mit 1254 Metern der höchste Punkt des Franziskuswegs erreicht.
Bald darauf gelange ich zu wunderschönen Bergwiesen mit Holunderknabenkraut (Dactylorhiza sambucina),
sowohl mit gelben als auch mit rotvioletten Blüten. Sie blüht hier zwischen der Grünen Nieswurz (Helleborus viridis),
die die Krautschicht der Wälder hier dominiert.
 
 
 
051
 
Auch die Frühlingsorchideen Orchis mascula und Anacamptis morio stehen hier in voller Blüte, während Orchis purpurea noch ihr rostrotes Knospenkleid zeigt. Frühlich begrüße ich schließlich noch eine neue Art auf dem Franziskusweg, die mich weiter bis Assisi begleiten wird, das Dreizähnige Knabenkraut, Neotinea tridentata
053
 
Im Wald fängt es zu regnen an, so dass die Wahl zwischen einer schwierigen und einer leichten Wegoption nicht schwer fällt.
 
055
 
Langsam geht es bergab ins Tal des Tibers hinein. Am Pferdehof Asvanara beginnt die Straße nach Pieve Santo Stefano. Und weil es immer noch regnet, nehme ich das Angebot von Alicia an, mich mit dem Auto in die Stadt mitzunehmen. Dort ist der Tiber noch ein zarter Fluss.
 
056
 
In P057ieve Santo Stefano treffe ich noch einmal mit Holger, Georges und Christine zusammen. Nur wenige Gebäude künden noch von der Bedeutung der Stadt im Mittelalter und in der Renaissance. Im Zweiten Weltkrieg wurde Pieve Santo Stefano von deutschen Truppen auf dem Rückzug weitgehend zerstört - alle Brücken über den Tiber und fast alle Häuser wurden zerstört.
 

zum Eremo di Cerbaiolo

 
Da ich am 22. April in meinem Tagesziel kein Abendessen bekommen kann, kaufe ich am Morgen in einem Supermarkt ein. Bis das Geschäft öffnet, setze ich mich noch in das Santuario della Madonna dei Lumi und schaue mir ein eindrucksvolles Madonnengemälde aus dem frühen 16. Jahrhundert an. Dann folge ich eine Weile dem Tiber, bis es nach Osten ins Gebirge hinaufgeht. Am Waldhang sehe ich die ersten Orchideen des Tages, Ophrys sphegodes und Cephalanthera longifolia. Der Franziskusweg führt zum Eremo di Cerbaiolo, das im 8. Jahrhundert als Benediktinerkloster gegründet wurde, bis es im Jahr 1216 von Franziskanern übernommen wurde. Es ist interessant zu sehen, wie beim Bau des Klosters die natürlichen Felsformationen mit in die Anlage integriert wurden.
 
058
 
059
060

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Eremo di Cerbaiolo blickt man weit ins Tibertal hinein mit dem Stausee von Montedoglio. Der Tag ist verhangen, die Regenwolken von gestern hängen noch in den Bergen.

061

062

 

Hochachtung für eine Eiche

Auf einem schmalen Pfad geht es weiter hinauf. Eine Bergwiese der sich anschließenden Hochebene ist voll mit Anacamptis morio, darunter auch eine Albiflora-Form mit weiß-grünen Blüten. Ebenso gibt es Übergangsformen mit einem Hauch von Violett in den Blüten.

063

 

065

067Zur Mittagspause bin ich in einer freundlichen Bar am Passo Viamaggio. Danach verlasse ich den Hauptweg über den Monte Verde, da bei Nässe davon abgeraten wird, diesen Berg zu passieren. Stattdessen laufe ich über eine südliche Alternativstrecke, auch wenn diese vier Kilometer länger ist. Danach bleibt der Weg in einer Höhe um 1000 Meter. Auf einer Wacholderheide blühen viele Ophrys, so dass ich gut die Unterschiede zwischen sphegodes und minipassionis unterscheiden kann. Dazu gehört auch die spätere Blütezeit von minipassionis. Ophrys sphegodes blüht früher und hat am unteren Stengel schon die ersten Fruchtstände ausgebildet. Hingegen ist Ophrys minipassionis gerade am Aufblühen und hat bei meinem Besuch noch etliche Knospen.  

069

 

 

 

 

 

 

 

 

Langsam geht es bergab durch den Wald, vorbei an verlassenen Häusern und einer mehr als 200 Jahre alten Eiche, der Quercia di Val di Canale, wie auf einer Tafel erklärt wird. Diese fordert auch dazu auf: Rispettiamola dal piu profondo e prendiamo a cura anche tutto quello que la circonda - lasst uns ihr mit Hochachtung begegnen und uns auch um alles kümmern, was sie umgibt!

 

 

070

Schließlich komme ich in der einsam gelegenen Pension Il Palazzo an, wo die Gastgeber mir zum mitgebrachten Abendessen eine Flasche Rotwein ins Zimmer gestellt haben. 

Eichen, Wacholder, Ginster

Am nächsten Morgen, es ist der 23. April, laufe ich bei strahlendem Sonnenschein durch das Dorf Montagna. Hinter dem Weiler Pischiano geht es hinauf in eine idyllische Berglandschaft mit großartiger Aussicht.

 071

Hier wechseln sich graue Schieferfelsen mit Eichenhainen ab, in denen Wacholder und Ginster vorherrschen. Dazwischen blühen Ophrys sphegodes und Ophrys minipassionis ebenso wie Anacamptis morio, Orchis purpurea und das Affenknabenkraut (Orchis simia) mit seinen dünnen Ärmchen an der Blütenlippe. 

072

 

074

 076

 

Ergänzt wird die besondere Orchideenflora der Magerwiese noch von der Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera). 

Ich nehme mir eine gute Stunde Zeit, um dieses besondere Gebiet zu erkunden und studiere auch Zwischenformen von Ophrys sphegodes und Ophrys minipassionis - mit dunkler Lippe, dunklem Basalfeld, behaartem Lippenrand und hellem Lippenabschluss.

 

 

 

 

 

Dann laufe ich weiter, und der Blick weitet sich in Richtung meines Tagesziels Sansepolcro, das im Tibertal liegt.

078

 

Franziskus und die Räuber

Vorher aber komme ich zum Eremo di Montecasale, einem ehemaligen Spital für Leprakranke, das im Jahr 1212 von den Franziskanern übernommen wurde. Darüber erhebt sich heute eine Franziskus-Statue mit Blick ins weite Land.

079

080

Die kleine schlichte Kirche atmet auch heute noch die franziskanische Spiritualität der Armut. Eine Vitrine birgt zwei Schädel, die von Räubern stammen sollen, die das kleine Kloster bedrängten. Als die Mönche der Legenda nach berieten, was sie unternehmen sollten, sagte Franziskus, sie sollten den Räuber etwas zum Essen bringen und sie freundlich begrüßen. Davon überrascht, brachten sie den Mönchen Feuerholz. Und zwei der Räuber sollen selbst als Mönche ins Kloster gezogen sein. 

081

Ich bin ganz allein in dem Gebäude, bis auf einmal Mitpilger Jan aus Amsterdam auftaucht.

Der Weg führt nun weiter über eine steile Treppe ins Tal hinab, unterbrochen von einem kleinen Abstecher zu den Höhlen von Sasso Spico. Hier ist eine interessante Felsformation entstanden, über die sich ein Bach in die Tiefe stürzt. 

082

An einer Treppenstufe werde ich dann von einer einzelnen Keuchorchis (Neotinea maculata) überrascht. Schließlich komme ich an der Kirche San Martino Val d'Afra an, die heute aber nur noch als Schuppen genutzt wird. Dort beginnt ein strammer Marsch auf der Straße, bis ich in Sansepolcro eintreffe, wo mich meine Gastgeberin Chiara begrüßt.

 084083

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von der Toskana nach Umbrien

Nach Dusche und Wäschewaschen erkunde ich das mittelalterliche Städtchen. In der Kathedrale ist das Volto Santo, das Heilige Antlitz, besonders bemerkenswert. Das Holzkruzifix wurde bereits im 8. Jahrhundert geschaffen und gelangte im 14. Jahrhundert nach Sansepolcro.

085

Am 24. April verabschiede ich mich von Chiara und laufe hinaus aus Sansepolcro. Hier ist das Tibertal recht breit, auch wenn der Fluss noch sehr klein ist.

086

087

Im Dorf Gricignano werden die Pilger besonders begrüßt. Dies ist zugleich der Abschied von der Toskana - das nächste Dorf Mancino liegt schon in Umbrien.

 089

 088

In Fighille setze ich mich zu Kaffee und einem Schoko-Cornetto in die Bar, außerdem kaufe ich fürs Abendessen ein. Bald darauf erreiche ich das andere Ende des Tibertals und es geht wieder bergauf. Als ich schon denke, dass dies der erste Pilgertag ohne Orchidee werden könnte, sehe ich doch noch eine Orchis provincialis am Waldrand. Kurz darauf erreiche ich mein Tagesziel, das Monastero del Santissimo Crocifisso e di Santa Maria - in dem ehemaligen Franziskanerkloster leben jetzt Benediktinerinnen. Schwester Veronika begrüßt mich und zeigt mir mein Zimmer.

090091 

 

 

 

Im Olivenhain des Klosters lasse ich die Seele baumeln. Ich darf auch in der Bibliothek in alten Büchern stöbern.
 
093
 
Am frühen Abend nehme ich in der Kirche an der Vesper teil - eingeleitet werden die Gesänge der Schwestern mit einem langen gemeinsamen Schweigen. In einem Lied heißt es: Il Signore ... ha liberato i miei occhi dalle lacrime, ha preservato i miei piedi dalla caduta. Camminerò alla presenza del Signore sulla terra dei viventi. Oder auf Deutsch: Der Herr ... hat meine Augen von Tränen befreit, meine Füße vor dem Straucheln bewahrt. Ich werde vor dem Herrn wandern im Land der Lebenden. Das passt doch gut zum Pilgern. 
092
 
Der nächste Tag, der 25. April, beginnt recht frisch. Ich laufe durch die alten Straßen von Citerna und sehe das Städtchen später nochmal aus der Ferne. 
 
094

 095

096 

In den lockeren Wiesen und Eichenmischwäldern erlebe ich eine reiche Orchideenflora. Los geht es mit Orchis purpurea, Orchis provincialis und Anacamptis morio. Dann folgen Orchis simiaOphrys minipassionis, Ophrys sphegodes sowie Ophrys insectifera

097

101102

Die Schönheit der Blüten von Cephalanthera longifolia mit gelblich-orangefarbenen Leisten auf der Lippe erschließt sich erst bei genauem Hinschauen. Zum ersten Mal sehe ich auf dem Franziskusweg auch das Große Zweiblatt (Neottia ovata).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Pasta bei den Clarissen

103

Mittags steige ich ins Tibertal hinab, nach Lerchi. Dort bekomme ich zu essen und zu trinken, bevor ich zum dritten Aufstieg des Tages aufbreche.

104

 

 

 

In diesen Wäldern des Tibertals sehe ich auch Pflanzen, die sehr wahrscheinlich Hybriden von Orchis purpurea und Orchis simia sind. Schließlich treffe ich in Città di Castello ein, bekomme ein Bett bei den Clarissen, im Monastero Santa Cecilia delle Monache Clarisse Urbaniste, dann ein Bierchen am Domplatz und zuletzt noch ein schlichtes Pasta-Abendessen im Kloster. 

105

106

 


Kleine Schönheit in dunkelviolettem Kleid

Am nächsten Morgen nehme ich Abschied vom Tiber. Jetzt geht es in einem großen Bogen über die Berge nach Süden, das Ziel Assisi ist nicht mehr weit. Dieser Teil des Apennins wird manchmal Valdichiascio genannt, nach dem in der Nähe von Gubbio entspringenden Fluss Chiascio, der in den Tiber mündet. Der Franziskusweg folgt zunächst ein Stück dem Tiber, ehe er bei Baucca einem Bachlauf nach Sasso folgt. Dort gibt es noch einmal Gelegenheit für eine kleine Mittagsvesper - letzte Bar vor Pietralunga, sagt der Pilgerwegführer.

108

 

 

 

Nun geht es etwas höher in einen lockeren Wald mit orchideenreichen Magerwiesen. Dort blühen Orchis simia, Orchis purpurea, Neotinea tridentata, Cephalanthera longifolia und Ophrys sphegodes. Dann entdecke ich eine kleine Schönheit in dunkelviolettem Kleid, Bertolonis Ragwurz (Ophrys bertolonii). Die nach oben gebogene Lippe ist unverkennbar, sie ist zottig behaart und trägt ein silbrig glänzendes Mal. Ich freue mich sehr, dass diese besondere Art mich auf meinem Pilgerweg erfreut.

Auf dem weiteren Weg - diese Etappe ist mit 32 Kilometern die längste meines Pilgerwegs - blühen viele Anacamptis morio, darunter auch einige weiße Formen.

 

 

 

 

 

110

 Einsam gelegen ist die frühchristliche Kirche Pieve de' Saddi, die auf Resten eines römischen Tempels erbaut wurde, mit einem Turm aus dem 9. Jahrhundert.

112

Der Weg zieht sich dahin, aber schließlich kommt mein Tagesziel Pietralunga in Sicht, die kleine Stadt ist schön auf einem Hügel gelegen.

113

Die verwinkelten steinernen Gassen führen zum zentralen Platz mit der Chiesa di Santa Maria, deren Errichtung ins 8. Jahrhundert zurückreicht. Nach einem langen Tag findet sich zum Abendessen in der Pizzeria wieder eine kleine Gruppe von Pilgerinnen und Pilgern zusammen. Zur Pizzeria gehört ein kleines Hotel, in dem ich mich frühzeitig eingebucht habe.  

114

 

115

Affenknabenkraut mit weißer Blüte

Der 27. April beginnt mit einem Kaffee und einem Cornetto in der Bar von Pietralunga. Mit Katharina laufe ich aus der Stadt hinaus. Da hat jemand die Wanderschuhe ausgezogen. Sollte dort ein Weg enden oder gab es auf einmal neue Perspektiven?

Bald geht es wieder aufwärts, bis in 780 Metern Höhe. Unterwegs treffe ich neugierige Straßenhunde, unter ihnen ein kleiner tolpatschiger Welpe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

116

117119

Der Wald bietet eine reiche Orchideenfülle. Am häufigsten blühen auch hier Orchis purpurea. Daneben sehe ich aber auch Anacamptis morio, Ophrys sphegodes, Ophrys insectifera und Neottia ovata. Dazwischen wachsen auch immer wieder Alpenveilchen.

 

 

 

 

 

Laut jauchzen muss ich über ein weiß blühendes Affenknabenkraut. Die Albiflora-Form habe ich zuerst in Südfrankreich gesehen. Sie ist selten, taucht aber immer mal wieder auf, wo Orchis simia zahlreich auftritt.

 

121 

123

 

Die lauschigen Wälder südöstlich von Pietralunga überraschen mich mit Orchideen, die ich bisher auf dem Franziskusweg noch nicht gesehen habe. Dazu gehört das Bleiche Waldvögelein (Cephalanthera damasonium), das ich im Laubmischwald schon längst erwartet hatte. Eine typische Waldorchidee ist auch ein violett blühendes Knabenkraut, bei dem ich zuerst an die vertraute Dactylorhiza fuchsii denke. Mit dem dicken Sporn und den langen Tragblättern handelt es sich bei der hier nur einmal angetroffenen Orchidee aber wohl um das Sackspornige Knabenkraut (Dactylorhiza saccifera), das ich bisher nur ein einziges Mal in Nordgriechenland gesehen habe. Eine gute Vertraute ist schließlich auch die Ohnsporn-Orchidee (Orchis anthropophora), die mir bis Assisi noch einige Male begegnen wird [auch hier für die Detailansicht auf die jeweiligen Fotos klicken].

 

 

 

 

 

 

  

125

 127

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ophrys lorenae und Ophrys appennina

 
Schließlich fällt mir an einem Hang eine bisher noch nicht gesehene Ragwurz ins Auge. Form und Farbe der oberen Blütenblätter signalisieren, dass diese zur Gruppe der Hummelragwurz (Ophrys fuciflora) gehört. Diese regionale Sippe wurde 2002 als Ophrys fuciflora subsp. lorenae beschrieben, benannt nach Franca Lorena Moruzzi (1946-2003), die als Entdeckerin dieser Pflanze gilt (von Eugenio De Martino und Nicola Centurione, im Journali Europäischer Orchideen 34, 3). Auffallend bei dieser Lorena-Hummelragwurz ist die stark konvexe Form der Lippe. Pierre Delforge erhob das Taxon 2015 in den Artrang. 
 
129
 
Am selben Hang blüht noch eine weitere Orchidee aus der fuciflora-Gruppe. Diese hat eine flache, eher breite als lange Lippe und kleine grünliche Pseudo-Augen. Die seitlichen Lippenhöcker sind nach außen gerichtet. Diese Ragwurz wurde 2011 als Ophrys appennina (mit zwei p) beschrieben, als Apennin-Ragwurz (von Rolando Romolini und Romieg Soca, im Journal Europäischer Orchideen 43, 4). Begleitpflanzen sind unter anderem Thymian (Thymus pulegioides) und das Sonnenröschen (Helianthemum nummularium).
 
131
 
Vor mir öffnet sich nun der Blick auf das breite Tal mit dem Tagesziel Gubbio, in der Ferne sind schneebedeckte Gipfel des Apennins zu sehen.
 
133
 
Bevor der Bergwald endet, erreiche ich die frühchristliche Kirche von San Giovanni Battista in Loreto mit einer eindrucksvollen Krypta aus dem 11. bis 12. Jahrhundert.
   134
 
135
 

Im Franziskanerkloster von Gubbio

 
Es ist ein heißer Tag, und der Pilgerführer empfiehlt eine Bar in Raggio, dem nächsten kleinen Ort auf dem Weg nach Gubbio. Dort bekomme ich ein kaltes Bier, ehe es auf einem ereignisarmen Weg durchs Tal weitergeht. In Gubbio ist die große Kirche von St. Franziskus nicht zu übersehen, aber den Eingang zum Kloster finde ich erst nach vielem Fragen.
 
137
 
138139 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der Pilgergastgeber ist gerade noch da und zeigt mir meine kleine Klosterzelle, direkt über dem Kreuzgarten. Das Fenster ist allerdings so hoch, dass ich nicht hinausschauen kann. Abends laufe ich durch die Straßen der eindrucksvollen Stadt und finde ein feines Restaurant.
140
 

Zur Einsiedelei von St. Peter im Weinberg

Am nächsten Morgen, es ist der 28. April, frühstücke ich mit Katharina am Platz der 40 Märtyrer und laufe dann mit ihr zusammen los. Erster Halt ist die Chiesa Santa Maria della Vittorina. Franziskus erhielt diese Kirche im Jahr 1213 zur Nutzung überlassen - an diesem Ort soll er den Wolf von Gubbio gezähmt haben. Der Wolf war so gefürchtet, dass sich niemand aus dem Haus traute, wenn er in Gubbio umherstreifte. Franziskus soll ihn angesprochen und ihm versprochen haben, er werde veranlassen, ihm alles zu geben, was er braucht, damit er keinen Hunger mehr leiden muss. Eine schöne Legende gerade mit Blick auf die aktuellen Bestrebungen, den Naturschutz für den Wolf zu lockern und die Jagd auf ihn zuzulassen.
141 
 142
 
In einem Supermarkt kaufe ich den Tagesproviant ein. Der Weg führt langsam hinaus aus der Stadt. Heute geht es 18,7 Kilometer lang immer nach Süden. Ich durchquere das Chiaschio-Tal und steige hinauf auf eine Höhe von etwa 670 Metern. An Wiesenhängen und im lockeren Wald blühen Orchis purpurea in großer Zahl, Orchis simia, Anacamptis morio, Ophrys sphegodes, Cephalanthera damasonium und Cephalanthera longifolia. Ein Himantoglossum adriaticum zeigt seine Knospen. Beim Blick zurück ist Gubbio noch lange im Morgenlicht zu sehen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
143
 
144
 
145
 
 147
 
150
 
Schließlich erreiche ich in der abgelegenen und dünn besiedelten Region mein Tagesziel, den Eremo di San Pietro in Vigneto. Das ehemalige Benediktinerkloster wird heute von einer Bruderschaft der Jakobspilger betrieben, der Confraternita di San Jacopo di Compostela. Ich werde von Angelo begrüßt. Es gibt Kaffee zur Begrüßung. Dann lege ich mich auf die Wiese im ausgedehnten Garten der Anlage und tue eine Weile gar nichts - bis eine Andacht in der Kirche beginnt. Dazu gehört auch eine rituelle Fußwaschung. Und Mitpilger Jan aus Amsterdam spricht über Erfahrungen auf dem Franziskusweg. Dass er auf einer einsamen Höhe plötzlich laut gelacht hat. Und sich dabei Gott nahe gefühlt hat. Anschließend gibt es ein gemeinsames Abendessen, ehe ich mich im Schlafsaal einrichte. 
 
 
 
 
148
 
149
 

Orchideenwiese mit Serapias

 
Die Nacht mit 14 Menschen im Schlafraum ist kurz und ich breche als Erster auf, nach einem schnellen Frühstück und einem Abschiedssegen von Angelo vor einem Kreuz, das nach Assisi blickt.
 
151 
Der Morgen ist wolkenverhangen. Die Morgenwäsche hole ich an an einem Bach nach. Auch heute geht es immer weiter nach Süden. Inzwischen zeigen die Wegweiser auch schon an, wie weit es noch bis Assisi ist. Im Laubwald blüht sehr reichlich das Immenblatt (Melittis melissophyllum), mal sehr hell, mal intensiv violett. 
 
152
 
153 
154
 
 
Die mitten im Wald gelegene Chiesa di Caprignone aus dem 11. Jahrhundert ist leider geschlossen. Hier soll es das erste Treffen einer franziskanischen Gemeinschaft außerhalb von Assisi gegeben haben. Danach geht es bergauf. Auf der Höhe erwarten mich schöne Orchideenwiesen mit Neotinea tridentata, Orchis purpurea und Ophrys sphegodes - mit auffallend gelbem Lippenrand. Für Himantoglossum adriaticum und Serapias bin ich noch zu früh, beide sind am Knospen.

 

 

 

 

156 

158

159

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier bekomme ich auch Gelegenheit, Ophrys appennina genauer zu studieren - die Lippe ist flach und nicht so konvex gebogen wie bei der hier selteneren Ophrys lorenae

 

160

Der Weg führt in einer Schleife an einer Burg vorbei, dem Castello di Biscino. Der Blick weitet sich zum Lago di Valfabbrica, einem Stausee des Chiaschio. Der Weg ist durchaus anspruchsvoll, aber jeder Schritt führt näher nach Assisi.
 
162
 
163
 
164
 
Langsam geht es wieder in tiefere Lagen - und dort ist der Frühling schon weiter vorangeschritten. Auf einer Magerwiese sehe ich tatsächlich bereits blühende Serapias, der sich nun auch als Pflugschar-Zungenstendel (Serapias vomeracea) bestimmen lässt.
 
165
 
Am späten Nachmittag komme ich in Valfabbrica an. Ich beziehe meine kleine Pension und gehe dann in die Bar am Platze. Dort treffen dann auch die bekannten Pilgerinnen und Pilger ein, so dass wir zusammen Pizza essen gehen.
 
167
 

endlich ankommen

Noch eine letzte Tagesetappe auf dem Weg nach Assisi - am 30. April ist es so weit. Die Abendgesellschaft trifft zufällig auch am Morgen wieder zusammen. Neu dabei ist Birgit aus Wien, die mich bis Assisi begleiten wird, weil sie sich darauf einlässt, unterwegs alle Orchideen kennenzulernen. Dazu gehört auch eine Albiflora-Form des Purpurknabenkrauts, der häufigsten Orchidee auf dem Franziskusweg. 

Auf dem Weg gibt es immer mehr Erinnerungsstätten für Franziskus. An einem Kreuz treffen wir Peter aus Neuseeland. Da bleibt es nicht aus, dass wir über Religion sprechen, Peter erklärt uns, dass er Atheist ist, sich aber in einem kosmischen Bewusstsein mit allem eins fühlt. An einem Brunnen freuen wir uns, dass das Ziel der Pilgerwanderung näher rückt, aber es ist auch etwas Wehmut dabei, dass es zu Ende geht.

172   

170

 

171

Unterwegs zeige ich Birgit auch Neotinea tridentata, Orchis simia, Cephalanthera longifolia und Cephalanthera damasonium und Ophrys sphegodes. Ein besonderer Blickpunkt ist ein Violetter Dingel (Limodorum abortivum). 

173

Dann haben wir Assisi auf einmal vor Augen, die große Franziskus-Kathedrale ist schon von weitem zu sehen.

174

Es ist ein großartiges Gefühl, nach so vielen Tagen zu Fuß endlich anzukommen.

175176 

 

 

 

 

 

 

 

177

Im Pilgerbüro bekomme ich meinen letzten Stempel und ein Testimonio für den zurückgelegten Weg. Dann laufe ich zu meiner Unterkunft in der Nähe der Kirche San Damiano. Abends bin ich in der Pilgermesse in der Unterkirche von San Francesco. Danach bin ich mit Holger Pizza essen - er geht dann noch weiter bis nach Rom.

Am 1. Mai erlebe ich den ersten Tag seit 15 Tagen ohne Rucksack auf dem Rücken. Ich schaue mir San Damiano an, wo Franziskus beim Anblick des Kreuzes seine Lebensberufung erkannt haben soll. Am frühen Morgen ist es noch sehr ruhig in der Kirche und dem zugehörigen kleinen Kloster. Das Kreuz von San Damiano befindet sich heute in der Kirche Santa Chiara, dem architektonischen und spirituellen Gegenüber von Sankt Franziskus am anderen Ende von Assisi.

178

180 179

 

 

 

 

 

 

 

Im Zentrum von Assisi wird heute das Fest Calendimaggio gefeiert, ein großes Frühlingsfest zum 1. Mai.

 

Gegen Abend schaue ich mir die obere Kirche von San Francesco an, mit den besonderen Fresken von Giotto aus dem Leben des Mönchs.

181

182

hinauf zum Monte Subasio 

Am 2. Mai ist die Sehnsucht groß, wieder in die Natur zu kommen. Mein Ziel ist der Monte Subasio, ein 1290 Meter hoher Berg südöstlich von Assisi. Wie schön, dass ich dabei zunächst noch ein Stück dem Franziskusweg in Richtung Rom folgen kann. Unterwegs sehe ich im dichten Wald das Bleiche Waldvögelein (Cephalanthera damasonium) blühen. Der Blick ins Tal geht hinunter nach Santa Maria degli Angeli mit der gleichnamigen Basilika. 

183

184

An einem felsigen Hang fühlte sich die Rote Spornblume (Centranthus ruber) wohl. Ihre Blüten locken das Braunauge und den Segelfalter an.

185

186

 

 

 

 

 

 

 

 

Bald danach treffe ich am Eremo di Carcere ein - die Felshöhlen dort boten Franziskus und seinen Gefährten einen abgelegenen Rückzugsort, an dem daraufhin ein kleines Kloster errichtet wurde. Am Samstag ist die Einsiedelei das Gegenteil davon, große Scharen von Ausflüglern kommen mit Bussen und Autos.
187
 
Wenige hundert Meter weiter bin ich wieder ganz einsam im Wald. Ein schmaler Pfad geht von der Straße weg. Alpenveilchen begleiten meinen Weg. Und ich studiere den für mich noch ganz unbekannten Kleinen Baldrian (Valeriana dioica), der wie die Rote Spornblume zu den Baldriangewächsen gehört.
 188

 189

Der Blick geht hinauf zum unbewaldeten Monte Subasio. Sobald ich die Vegetationsgrenze zwischen Wald und Magerwiesen erreiche, tauchen die ersten Orchideen auf: Orchis purpurea und Orchis simia. In gut 1000 Metern Höhe hat der Frühling gerade erst begonnen. Hier blühen wunderschöne Narzissen (Narcissus poeticus).
 
190
 
191
 
Die Hänge sind sehr karg bewachsen. Im kurzen Gras blühen vereinzelt der Österreichische Ehrenpreis (Veronica austriaca) und die Wegerich-Grasnelke (Armeria arenaria).
 
193
 
 194
 
Und dann sehe ich auch auch immer mehr Orchideen. Orchis mascula erkenne ich gleich. Aber dann gibt es da auch ein gelbes Knabenkraut, bei dem ich erst lange nachdenken muss, wann und wo ich dieses schon einnmal gesehen habe. Das ist das Wenigblütige Knabenkraut (Orchis pauciflora), das ich aus Apulien und Dalmatien kenne. 
 
196
197 
 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

Je höher ich hinaufsteige, desto häufiger werden die Orchideen dieser beiden Arten. Sie stehen manchmal dicht nebeneinander. Und schließlich sehe ich auch Hybriden beider Arten. Orchis mascula x pauciflora wurde als Orchis x colemanii beschrieben. Die Färbung der Lippe zeigt deutlich die Einflüsse der beiden Elternteile. 
 
200

201

Auf dem teilweise reicht steilen Berghang finde ich auch noch zumeist abblühende Dactylorhiza sambucina, die von Orchis pauciflora sofort mit seinen langen Tragblättern zu erkennen ist. Neben der gelb blühenden Form des Holunderknabenkrauts ist auch die rotviolett blühende Form anzutreffen. Außerdem sehe ich vereinzelte Orchis purpurea, Orchis simia, Anacamptis morio und Neotinea tridentata. Aber es findet sich keine einzige Ophrys - vielleicht ist der Nährstoffeintrag von Kühen und Pferden zu hoch. In der Ferne sehe ich eine kleine Herde der wilden Pferde vom Monte Subasio. 
 
203
 
205
 

Portiunkula und Abschied

Am 3. Mai bin ich nochmal in Santa Chiara - dort wächst auf einem der äußeren Kirchenpfeiler die Rote Spornblume. Außerdem schaue ich mir San Rufino an, die Taufkirche von Franziskus. Ihren Abschluss findet die Pilgerreise in Santa Maria degli Angeli, kurz vor Beginn der langen Bahnfahrt nach Hause, mit einer Besichtigung der Portiunkula, der kleinen Kirche, in der Franziskus 1226 gestorben ist.
206
 
207

 208

209

 


Artenliste

 
Anacamptis morio
 
Cephalanthera damasonium
Cephalanthera longifolia
 
Dactylorhiza saccifera
Dactylorhiza sambucina
 
Himantoglossum adriaticum
 
Limodorum abortivum
 
Neotinea maculata
Neotinea tridentata
 
Neottia ovata
 
Ophrys apifera
Ophrys appennina
Ophrys bertolonii
Ophrys insectifera
Ophrys lorenae
Ophrys minipassionis
Ophrys sphegodes
 
Orchis anthropophora
Orchis mascula
Orchis pauciflora
Orchis provincialis
Orchis purpurea
Orchis simia
 
Serapias vomeracea