Kleine Schönheit in dunkelviolettem Kleid
Am nächsten Morgen nehme ich Abschied vom Tiber. Jetzt geht es in einem großen Bogen über die Berge nach Süden, das Ziel Assisi ist nicht mehr weit. Dieser Teil des
Apennins wird manchmal Valdichiascio genannt, nach dem in der Nähe von Gubbio entspringenden Fluss Chiascio, der in den Tiber mündet. Der Franziskusweg folgt zunächst ein Stück dem Tiber, ehe er bei Baucca einem Bachlauf nach Sasso folgt. Dort gibt es noch einmal Gelegenheit für eine kleine Mittagsvesper - letzte Bar vor Pietralunga, sagt der Pilgerwegführer.

Nun geht es etwas höher in einen lockeren Wald mit orchideenreichen Magerwiesen. Dort blühen Orchis simia, Orchis purpurea, Neotinea tridentata, Cephalanthera longifolia und Ophrys sphegodes. Dann entdecke ich eine kleine Schönheit in dunkelviolettem Kleid, Bertolonis Ragwurz (Ophrys bertolonii). Die nach oben gebogene Lippe ist unverkennbar, sie ist zottig behaart und trägt ein silbrig glänzendes Mal. Ich freue mich sehr, dass diese besondere Art mich auf meinem Pilgerweg erfreut.
Auf dem weiteren Weg - diese Etappe ist mit 32 Kilometern die längste meines Pilgerwegs - blühen viele Anacamptis morio, darunter auch einige weiße Formen.
Einsam gelegen ist die frühchristliche Kirche Pieve de' Saddi, die auf Resten eines römischen Tempels erbaut wurde, mit einem Turm aus dem 9. Jahrhundert.

Der Weg zieht sich dahin, aber schließlich kommt mein Tagesziel Pietralunga in Sicht, die kleine Stadt ist schön auf einem Hügel gelegen.

Die verwinkelten steinernen Gassen führen zum zentralen Platz mit der Chiesa di Santa Maria, deren Errichtung ins 8. Jahrhundert zurückreicht. Nach einem langen Tag findet sich zum Abendessen in der Pizzeria wieder eine kleine Gruppe von Pilgerinnen und Pilgern zusammen. Zur Pizzeria gehört ein kleines Hotel, in dem ich mich frühzeitig eingebucht habe.


Affenknabenkraut mit weißer Blüte
Der 27. April beginnt mit einem Kaffee und einem Cornetto in der Bar von Pietralunga. Mit Katharina laufe ich aus der Stadt hinaus. Da hat jemand die Wanderschuhe ausgezogen. Sollte dort ein Weg enden oder gab es auf einmal neue Perspektiven?
Bald geht es wieder aufwärts, bis in 780 Metern Höhe. Unterwegs treffe ich neugierige Straßenhunde, unter ihnen ein kleiner tolpatschiger Welpe.

Der Wald bietet eine reiche Orchideenfülle. Am häufigsten blühen auch hier Orchis purpurea. Daneben sehe ich aber auch Anacamptis morio, Ophrys sphegodes, Ophrys insectifera und Neottia ovata. Dazwischen wachsen auch immer wieder Alpenveilchen.
Laut jauchzen muss ich über ein weiß blühendes Affenknabenkraut. Die Albiflora-Form habe ich zuerst in Südfrankreich gesehen. Sie ist selten, taucht aber immer mal wieder auf, wo Orchis simia zahlreich auftritt.
Die lauschigen Wälder südöstlich von Pietralunga überraschen mich mit Orchideen, die ich bisher auf dem Franziskusweg noch nicht gesehen habe. Dazu gehört das Bleiche Waldvögelein (Cephalanthera damasonium), das ich im Laubmischwald schon längst erwartet hatte. Eine typische Waldorchidee ist auch ein violett blühendes Knabenkraut, bei dem ich zuerst an die vertraute Dactylorhiza fuchsii denke. Mit dem dicken Sporn und den langen Tragblättern handelt es sich bei der hier nur einmal angetroffenen Orchidee aber wohl um das Sackspornige Knabenkraut (Dactylorhiza saccifera), das ich bisher nur ein einziges Mal in Nordgriechenland gesehen habe. Eine gute Vertraute ist schließlich auch die Ohnsporn-Orchidee (Orchis anthropophora), die mir bis Assisi noch einige Male begegnen wird [auch hier für die Detailansicht auf die jeweiligen Fotos klicken].
Ophrys lorenae und Ophrys appennina



Im Franziskanerkloster von Gubbio



Zur Einsiedelei von St. Peter im Weinberg








Orchideenwiese mit Serapias



















