Valtiberina



ieve Santo Stefano treffe ich noch einmal mit Holger, Georges und Christine zusammen. Nur wenige Gebäude künden noch von der Bedeutung der Stadt im Mittelalter und in der Renaissance. Im Zweiten Weltkrieg wurde Pieve Santo Stefano von deutschen Truppen auf dem Rückzug weitgehend zerstört - alle Brücken über den Tiber und fast alle Häuser wurden zerstört.zum Eremo di Cerbaiolo



Vom Eremo di Cerbaiolo blickt man weit ins Tibertal hinein mit dem Stausee von Montedoglio. Der Tag ist verhangen, die Regenwolken von gestern hängen noch in den Bergen.

Hochachtung für eine Eiche
Auf einem schmalen Pfad geht es weiter hinauf. Eine Bergwiese der sich anschließenden Hochebene ist voll mit Anacamptis morio, darunter auch eine Albiflora-Form mit weiß-grünen Blüten. Ebenso gibt es Übergangsformen mit einem Hauch von Violett in den Blüten.
Zur Mittagspause bin ich in einer freundlichen Bar am Passo Viamaggio. Danach verlasse ich den Hauptweg über den Monte Verde, da bei Nässe davon abgeraten wird, diesen Berg zu passieren. Stattdessen laufe ich über eine südliche Alternativstrecke, auch wenn diese vier Kilometer länger ist. Danach bleibt der Weg in einer Höhe um 1000 Meter. Auf einer Wacholderheide blühen viele Ophrys, so dass ich gut die Unterschiede zwischen sphegodes und minipassionis unterscheiden kann. Dazu gehört auch die spätere Blütezeit von minipassionis. Ophrys sphegodes blüht früher und hat am unteren Stengel schon die ersten Fruchtstände ausgebildet. Hingegen ist Ophrys minipassionis gerade am Aufblühen und hat bei meinem Besuch noch etliche Knospen.

Langsam geht es bergab durch den Wald, vorbei an verlassenen Häusern und einer mehr als 200 Jahre alten Eiche, der Quercia di Val di Canale, wie auf einer Tafel erklärt wird. Diese fordert auch dazu auf: Rispettiamola dal piu profondo e prendiamo a cura anche tutto quello que la circonda - lasst uns ihr mit Hochachtung begegnen und uns auch um alles kümmern, was sie umgibt!

Schließlich komme ich in der einsam gelegenen Pension Il Palazzo an, wo die Gastgeber mir zum mitgebrachten Abendessen eine Flasche Rotwein ins Zimmer gestellt haben.
Eichen, Wacholder, Ginster
Am nächsten Morgen, es ist der 23. April, laufe ich bei strahlendem Sonnenschein durch das Dorf Montagna. Hinter dem Weiler Pischiano geht es hinauf in eine idyllische Berglandschaft mit großartiger Aussicht.

Hier wechseln sich graue Schieferfelsen mit Eichenhainen ab, in denen Wacholder und Ginster vorherrschen. Dazwischen blühen Ophrys sphegodes und Ophrys minipassionis ebenso wie Anacamptis morio, Orchis purpurea und das Affenknabenkraut (Orchis simia) mit seinen dünnen Ärmchen an der Blütenlippe.
Ergänzt wird die besondere Orchideenflora der Magerwiese noch von der Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera).
Ich nehme mir eine gute Stunde Zeit, um dieses besondere Gebiet zu erkunden und studiere auch Zwischenformen von Ophrys sphegodes und Ophrys minipassionis - mit dunkler Lippe, dunklem Basalfeld, behaartem Lippenrand und hellem Lippenabschluss.
Dann laufe ich weiter, und der Blick weitet sich in Richtung meines Tagesziels Sansepolcro, das im Tibertal liegt.

Franziskus und die Räuber
Vorher aber komme ich zum Eremo di Montecasale, einem ehemaligen Spital für Leprakranke, das im Jahr 1212 von den Franziskanern übernommen wurde. Darüber erhebt sich heute eine Franziskus-Statue mit Blick ins weite Land.


Die kleine schlichte Kirche atmet auch heute noch die franziskanische Spiritualität der Armut. Eine Vitrine birgt zwei Schädel, die von Räubern stammen sollen, die das kleine Kloster bedrängten. Als die Mönche der Legenda nach berieten, was sie unternehmen sollten, sagte Franziskus, sie sollten den Räuber etwas zum Essen bringen und sie freundlich begrüßen. Davon überrascht, brachten sie den Mönchen Feuerholz. Und zwei der Räuber sollen selbst als Mönche ins Kloster gezogen sein.

Ich bin ganz allein in dem Gebäude, bis auf einmal Mitpilger Jan aus Amsterdam auftaucht.
Der Weg führt nun weiter über eine steile Treppe ins Tal hinab, unterbrochen von einem kleinen Abstecher zu den Höhlen von Sasso Spico. Hier ist eine interessante Felsformation entstanden, über die sich ein Bach in die Tiefe stürzt.

An einer Treppenstufe werde ich dann von einer einzelnen Keuchorchis (Neotinea maculata) überrascht. Schließlich komme ich an der Kirche San Martino Val d'Afra an, die heute aber nur noch als Schuppen genutzt wird. Dort beginnt ein strammer Marsch auf der Straße, bis ich in Sansepolcro eintreffe, wo mich meine Gastgeberin Chiara begrüßt.
Von der Toskana nach Umbrien
Nach Dusche und Wäschewaschen erkunde ich das mittelalterliche Städtchen. In der Kathedrale ist das Volto Santo, das Heilige Antlitz, besonders bemerkenswert. Das Holzkruzifix wurde bereits im 8. Jahrhundert geschaffen und gelangte im 14. Jahrhundert nach Sansepolcro.

Am 24. April verabschiede ich mich von Chiara und laufe hinaus aus Sansepolcro. Hier ist das Tibertal recht breit, auch wenn der Fluss noch sehr klein ist.


Im Dorf Gricignano werden die Pilger besonders begrüßt. Dies ist zugleich der Abschied von der Toskana - das nächste Dorf Mancino liegt schon in Umbrien.


In Fighille setze ich mich zu Kaffee und einem Schoko-Cornetto in die Bar, außerdem kaufe ich fürs Abendessen ein. Bald darauf erreiche ich das andere Ende des Tibertals und es geht wieder bergauf. Als ich schon denke, dass dies der erste Pilgertag ohne Orchidee werden könnte, sehe ich doch noch eine Orchis provincialis am Waldrand. Kurz darauf erreiche ich mein Tagesziel, das Monastero del Santissimo Crocifisso e di Santa Maria - in dem ehemaligen Franziskanerkloster leben jetzt Benediktinerinnen. Schwester Veronika begrüßt mich und zeigt mir mein Zimmer.




In den lockeren Wiesen und Eichenmischwäldern erlebe ich eine reiche Orchideenflora. Los geht es mit Orchis purpurea, Orchis provincialis und Anacamptis morio. Dann folgen Orchis simia, Ophrys minipassionis, Ophrys sphegodes sowie Ophrys insectifera.
Die Schönheit der Blüten von Cephalanthera longifolia mit gelblich-orangefarbenen Leisten auf der Lippe erschließt sich erst bei genauem Hinschauen. Zum ersten Mal sehe ich auf dem Franziskusweg auch das Große Zweiblatt (Neottia ovata).
Pasta bei den Clarissen

Mittags steige ich ins Tibertal hinab, nach Lerchi. Dort bekomme ich zu essen und zu trinken, bevor ich zum dritten Aufstieg des Tages aufbreche.

In diesen Wäldern des Tibertals sehe ich auch Pflanzen, die sehr wahrscheinlich Hybriden von Orchis purpurea und Orchis simia sind. Schließlich treffe ich in Città di Castello ein, bekomme ein Bett bei den Clarissen, im Monastero Santa Cecilia delle Monache Clarisse Urbaniste, dann ein Bierchen am Domplatz und zuletzt noch ein schlichtes Pasta-Abendessen im Kloster.
















