Krim

foros

Die Orchideen-Flora der Krim ist Ziel einer Exkursion im Mai 2011. Die Halbinsel im Schwarzen Meer ist auch aus wissenschaftshistorischer Sicht reizvoll: Hier wurde 1808 die Gehörnte Ragwurz (Ophrys oestrifera) zuerst beschrieben. Zu den botanischen Pionieren der Krim gehört Christian von Steven, der 1812 bei Jalta den Botanischen Garten Nikita gründete und in der Laspi-Bucht 1829 die Bartorchis (Comperia comperiana) beschrieb. Weit gespannt sind die Interesssen der kleinen Reisegruppe, die am 17. Mai von Frankfurt aus über Kiew nach Simferopol fliegt: Werner und Rainer sind vor allem an Ophrys oestrifera und ihrem Bestäuber interessiert. Karel will Lücken für sein Buchprojekt über die Orchideen Europas schließen. Rudolf möchte Natur und Landschaft erkunden, und ich will meine Albiflora-Studien weiterführen und die auf Zypern gesammelten Eindrücke zur östlichen Orchideen-Flora erweitern. Zur Vorbereitung haben wir unter anderem das Rote Buch der Ukraine - das 2009 erschienene Standardwerk zu gefährdeten Pflanzen der Ukraine - studiert und Hinweise von Orchideenfreunden aus Ungarn bekommen.

ins Kalkgebirge

     Das Krimgebirge im Süden erstreckt sich etwa über ein Fünftel der Halbinsel: Auf einer Länge von 150 Kilometern und einer Breite von 40 bis 50 Kilometern besteht es aus drei Höhenzügen. Der südliche Höhenzug, Yaila genannt, erhebt sich bis zu 1545 Meter hoch und fällt steil nach Süden zum Schwarzen Meer ab. Die Hebung und Faltung dieses Kalkgebirges entstand vor 150 bis 200 Millionen Jahren, im Jura.

anacamptis morio

     Unser Standort ist die kleine Küstenstadt Алушта (Alushta), wo wir nach einigem Suchen ein Apartmenthotel für uns finden. Wir haben zwei Autos gemietet, einschließlich der Fahrdienste von Raschid und Bogdan. Sie bringen uns am 18.5. oberhalb von Alushta zu einem Stausee bei Иэобыльное (Isobylnoje), wo wir an einer Wiese Halt machen. Dort finden wir gleich etliche Anacamptis morio subsp. caucasica. Die Unterart der Anacamptis morio ist eher höherwüchsig, mit relativ großen Blüten, die ausgeprägten Seitenlappen der Lippe sind teils flächig ausgebreitet, teils zurückgeschlagen. In einem Bachgrund steht noch eine abblühende Orchis simia. Etwas weiter blüht auf einem Wiesenhang das Purpurknabenkraut (Orchis purpurea), zusammen mit weiteren Anacamptis morio. Von sonstigen Pflanzen fällt mir zwischen Veronica und Pulmonaria eine Kreuzblume (Polygala major) mit ihren ungewöhnlich großen, purpurfarbenen Blüten auf.

    dactylorhiza romana sm Nach diesem Auftakt fahren wir am Nachmittag nach Jalta und biegen dort in eine schmale Bergstraße in Richtung Аи Петри (Ai Petri) ein. Bei Куибышего (Kuibyschewo) besuchen wir einen Buchen-Eichenwald und finden gleich ein paar schöne Exemplare des Römischen Knabenkrauts (Dactylorhiza romana), erst violett, dann auch gelb blühend. Besonders spannend ist eine Pflanze mit beiden Farben. Außerdem sehen wir knospende Platanthera chlorantha, das Bleiche (Cephalanthera damasonium) und das Schwertblättrige Waldvögelein (Cephalanthera longifolia). Es geht endlose Serpentinen hinauf bis zur Aussichtsplattform von Аи Петри: In 1320 Metern Höhe bietet sich uns ein eindrucksvolles Panorama aufs Meer und die Küstenlandschaft bei Jalta. Auf der Rückfahrt wartet am Ortseingang von Jalta noch eine schöne Gruppe von Orchis purpurea auf uns, die unseren ersten Orchideentag auf der Krim beschließt. 

 

onosma taurica

Wo die Kappenwurz rot leuchtet     

Am nächsten Tag geht es über Simferopol nach Westen. Bei скалистое (Skalistoje) erkunden wir hinter einem Kalk-Steinbruch einen Eichen-Buchenwald und einen Hang mit einer artenreichen Flora. Zuerst sehen wir das Dreizähnige Knabenkraut (Neotinea tridentata) - später auch eine Pflanze mit sehr hellen Blüten - und abblühende Affen-Knabenkräuter (Orchis simia), darunter auch eine Pflanze mit teilweise weißen Blüten - nur die Spitzen der Lippen sind intensiv violett. 

Eindrucksvoll ist auch die übrigen Flora mit Pflanzen wie Helianthemum spec., Onosma taurica, die endemische Veronica taurica, Polygala major und Salvia austriaca. Im Wald sehen wir die großen Blüten der Peonie (Peonia steveniana) - benannt nach Christian von Steven.

steveniellaDieser begegnet uns auch am Waldrand im Namen der Kappenwurz, Steveniella satyrioides, einer Orchidee mit ganz besonderen Blüten: Sepalen und Petalen sind zu einem rötlich-braunen Helm verwachsen, die Lippe ist tief dreigeteilt und unten grün, der Sporn kurz und sackförmig, der Fruchtknoten spiralig gedreht. Nur ein Laubblatt ist ausgebreitet, zwei weitere umfassen den Stängel. Insgesamt zählen wir 16 Pflanzen, teilweise bis zu 40 cm hoch. Im Gegenlicht leuchten die Blütenhelme in tiefem Rot.

     Dann entdeckt Werner die ersten Ophrys oestrifera - die Krim-Form erinnert ophrys oestriferaKarel an die kroatischen Pflanzen, mich an die am Monte Gargano. Mit ihren spitzen Hörnern ist die Blütenlippe sehr eindrucksvoll. Ungeklärt ist die Frage nach dem Bestäuber - an einer Blüte ist ein Pollinarium heruntergebogen, so ähnlich wie bei Ophrys apifera - befruchtet sich Ophrys oestrifera etwa selbst? Eine Autogamie klingt wenig glaubhaft, aber diese Überlegungen bestärken Werner und Rainer in ihrer Entschlossenheit, den bislang nicht bekannten Bestäuber dieser Ophrys zu finden.

   Noch nicht in Blüte steht der Violette Dingel (Limodorum abortivum). Schließlich sehen wir auch noch Cephalanthera damasonium und die Vogelnestwurz (Neottia nidus-avis).

     Weiter geht es in ein anderes Tal, in dem wir zwischen Танковое (Tankowoje) und Куибышево (Kuibyschewo) Halt machen. Auf einer schönen Wiese wachsen viele Neotinea tridentata, im angrenzenden Wald auch Orchis purpurea. Mir gefallen auch Polygala major mit weißen Blüten, ein blutrot blühendes Cynoglossum und Hyoscyamus niger. Die Landschaft erinnert uns an die Causses in Südfrankreich, die Bergzüge werden von eindrucksvollen Kalkfelsen gekrönt.

 tankowoje

     Am späten Nachmittag trennen wir uns. Karel und ich biegen hinter Голибинка (Golibinka) nach Südwesten ab, fahren durch das verträumte Dorf Новопилля (Nowopillja) und gelangen an einen Waldrand mit einer schmalen Wiese davor. Gleich am Straßenrand steht eine große Orchis purpurea, so dass unser Fahrer Raschid gleich weiß, dass wir hier aussteigen müssen. Wir lassen uns viel Zeit und finden Steveniella satyrioides, Neotinea tridentata, Orchis simia, Cephalanthera damasonium, Cephalanthera longifolia, knospende und erstaunlich hochwüchsige Anacamptis pyramidalis, aufblühende Waldhyazinthen (Platanthera chlorantha) - und schließlich auch zwei Bartorchis (Comperia comperiana) - leider noch nicht blühend, sondern mit grünen Knospen. So wachsen hier an einem Ort die von Steven beschriebene Comperia ebenso wie die nach ihm benannte Steveniella.

Felsenkirche über Comperia

     Der 20. Mai beginnt mit einem Morgenausflug zu einem Hang, der uns an der Straße nach Simferopol aufgefallen war, in der Nähe von Верхая Кутузовка (Werchaja Kutusowka). Hier wachsen an einem Bach schöne Anacamptis morio subsp. caucasica, hoch gewachsen und zumeist mit dunkelviolettfarbenen Blüten, darunter aber auch eine heller blühende Varietät. Weiter geht es die Küste entlang nach Westen. Hinter Jalta wird die Besiedlung spärlicher, die Vegetation reizvoller. Wir halten zuerst an einem Kiefernwald, in dem zahlreiche Cephalanthera longifolia blühen.

kiefernwald

Dann geht es weiter, bis sich bei Foros ein Berg erhebt, der von einer Kirche mit goldener Kuppel gekrönt wird, der Auferstehungskirche. Ein Stückchen dahinter halten wir und finden gleich am Straßenrand Comperia comperiana in voller Blüte, etwas höher noch weitere Pflanzen. Sepalen und Petalen sind zu einem rötlich-braunen Helm verwachsen, die imposante Lippe ist weißlich bis rotviolett, dreigeteilt mit langen herabhängenden Fäden. Der weiße Sporn ist so lang wie der Fruchtknoten und nach unten geneigt, eine faszinierende Pflanze.

comperia

unter Spionageverdacht     

Dann fahren wir noch etwas weiter, bis Werner vom fahrenden Auto heraus eine Gruppe Comperia comperiana sieht. Weil es an dieser Stelle in der Nähe von Олива (Oliwa) keine Parkgelegenheit gibt, steigen wir aus und lassen unsere Fahrer weiterfahren. Gerade als wir über ein Mäuerchen zu den Pflanzen steigen wollen, werden wir von zwei Polizisten angehalten. Wir versuchen, ihnen deutlich zu machen, dass wir nur Pflanzen fotografieren wollen - und in keiner Weise an dem nahe gelegenen Militärstützpunkt interessiert sind. Die Beamten rufen aber weitere Polizisten herbei. Wir müssen unsere Pässe zeigen, und dann wird auch noch der Vorgesetzte angerufen. Als er da ist, geht es auf einmal ganz schnell, der korpulente Chef ist entscheidungsstark, erklärt uns für harmlos. Alle lächeln und wir dürfen weitergehen, ins "Feld" steigen. Hier finden wir immer mehr Comperia, schließlich schätzen wir ihre Zahl auf deutlich mehr als 100. Karel entdeckt sogar eine Blüte mit drei Lippen unter einem Helm. Zuletzt sehen wir auch noch zwei Ophrys oestrifera, von denen eine bereis abblühend ist.

laspi bucht

     Schließlich fahren wir weiter und biegen in der Laspi-Bucht zum Meer ab. Dabei machen wir immer wieder Halt. In den eindrucksvollen Eichen-Buchenwäldern mit kleinwüchsigen Flaumeichen (Quercus pubescens) blühen Comperia comperiana, Orchis purpurea und Cephalanthera longifolia. Noch knospend sind Anacamptis pyramidalis und Limodorum abortivum. Auch die Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) treibt schon ihren Blütenstand aus. Zuletzt finde ich auch das lang gesuchte Punktierte Knabenkraut (Orchis punctulata), die beiden Pflanzen sind an ihrem trockenen Standort am Straßenrand aber schon abgeblüht. Als Karel sie mit Blitzlicht fotografiert, fühlt er sich plötzlich von einem anderen Licht gestört: "Wer blitzt da?!" Ein Gewitter bricht über die Bucht herein, und wir erklären den Exkursionstag für beendet. Die Rückfahrt wird allerdings noch von einer Reifenpanne unterbrochen. So gibt es abends beim Bier in Alushta viel Gesprächsstoff - darunter auch eine Diskussion über den Unterschied zwischen dokumentarischen Fotos und solchen mit ästhetischem Anspruch, die Karel als "Unterwasserfotos" verspottet.

Gelb kreuzt sich mit Purpurrot

orchis punctulata sm

     Tags darauf fahren wir erneut die Küstenstraße nach Westen. Hinter der Abzweigung nach Орлиное (Orlinoje) und vor Гончарное(Gontscharnoje) sieht Werner schon vom Auto aus eine Stelle mit Orchis punctulata am Waldrand. Sie stehen noch in schönster Blüte. Dahinter blühen im Wald auch Orchis purpurea, Cephalanthera longifolia, Cephalanthera damasonium und Neotinea tridentata. Noch größer ist die Begeisterung beim Anblick einer Wiese auf der Meerseite, wenige Schritte die Straße entlang: Hier stehen jeweils etwa 60 Orchis punctulata und purpurea und drei groß gewachsene Hybriden von beiden.

orchis punctulata

 

 

 

Die Blüten der Hybriden verbinden das Gelb von Orchis punctulata mit den purpurroten Pusteln von Orchis purpurea und haben auch eher die Lippenform von purpurea. Am Hang auf der Bergseite wachsen ebenfalls beide Orchis, zum Teil mehr als 50 cm groß. Eine Orchis punctulata hat zwei Blüten, die sich Helm und Fruchtknoten teilen, aber jede mit Lippe und dem kleinen weißen Sporn. Außerdem blühen hier auch noch einige Comperia comperiana. Und Limodorum abortivum hat schon die ersten Blüten geöffnet. Wir bleiben mehr als drei Stunden an diesem faszinierenden Ort, letztes Fotomodell ist eine Orchis punctulata x purpurea mit rötlich-braunen Lippen. punctulata purpurea sm

     Die Weiterfahrt ist nur kurz. Schon bald sehen wir kurz vor der Abzweigung nach Резервное (Reserwnoje) auf der rechten Straßenseite einen verlockenden Wiesenhang, dem wir bis zum Waldrand folgen. Auch hier sehen wir wieder Orchis purpurea, eine Hybride mit Orchis punctulata, Cephalanthera damasonium und Comperia comperiana. Als Tagesziel haben wir die Umgebung von Балаклава (Balaklawa) angepeilt. Die Fahrt auf einer kleinen Landstraße wird aber jäh gestoppt von einer Schranke - wegen Waldbrandgefahr ist die Straße gesperrt. So fahren wir wieder ein Stück zurück, bis wir bei гончарное (Gontscharnoje) an den Fuß eines steilen Hangs kommen, auf dem es ein reizvolles xerothermes Biotop gibt. Beim Aufstieg finde ich eine schöne Gruppe von Ophrys oestrifera, die sich ein wenig von der am ersten Fundort unterscheidet. Hier blüht ebenfalls Comperia comperiana. Und in ein paar Tagen werden Anacamptis pyramidalis aufblühen, deren hoch gewachsene Stängel zwischen den Kalkfelsen aufragen. Danach erkunden Karel und ich noch einmal den Wiesenhang vom frühen Nachmittag, um eine von Werner entdeckte Stelle mit 30 Comperia comperiana zu sehen. Im Abendlicht kommen ihre Farben besonders schön zur Geltung. Ein Stückchen weiter steigen wir noch einen letzten Hang mit reizvoller Vegetation hinauf: Hier wachsen Diptam, Ornithogalum, Anthericum ramosum und Comperia comperiana. Den Pflanzentag schließt eine weiter Orchis-Hybride am Straßenrand ab, und Karel sagt: "So ein schönes Orchideengebiet wie die Krim habe ich noch nie gesehen."   

Weiße Äffchen

     Am 22. Mai - es ist Sonntag - gehen wir noch einmal bei der Abzweigung nach Орлиное (Orlinoje) in den Wald, wo mir Werner eine hypochrome Epipactis helleborine zeigt. Dann fahren wir in Richtung Орлиное (Orlinoje) und kommen vor Тыловое (Tylowoje) an einen großen Weiher. Dahinter erstreckt sich eine ausgedehnte Weide. Wo an ihrem Rand der Wald beginnt, wächst eine Gruppe von Ophrys oestrifera, dahinter viele große Orchis purpurea, Cephalanthera damasonium und Cephalanthera longifolia. Höhepunkt der Erkundungen an diesem Ort ist das Affen-Knabenkraut in einer Gruppe von 26 Pflanzen unter einer Kiefer, davon 5 mit weißen Blüten!

orchis simia

In Орлиное (Orlinoje) fahren wir nach links und kommen kurz darauf an eine Wiese, auf der mehrere knospende Himantoglossum und eine Anacamptis pyramidalis stehen. Auch hier blühen wieder Comperia comperiana - sogar im Straßengraben. Schon seit einiger Zeit werden wir wieder von Blitz und Donner begleitet, jetzt wird der Regen heftiger, so dass wir zu einem späten Mittagessen ins Restaurant "миф" gehen - es gibt Plow (Rindfleisch auf Reis) und das Joghurt-Getränk Ayran. Wieder in der Natur hat es aufgehört zu regnen. An der Straße nach Резервное (Reserwnoje) schauen wir uns einen ums Eck gehenden Steilhang an, mit Orobanche, Sukkulenten und Comperia comperiana - mit Regentropfen an den Lippenfäden. Wir fahren eine Nebenstraße in den Wald hinein, bis sie nur noch aus Steinen, Schlaglöchern und Pfützen besteht. Hier blühen Orchis purpurea und Cephalanthera longifolia, die unseren botanischen Tag beschließen.

zwischen Flaumeichen und Wacholder

     Auf der Suche nach der im "Roten Buch der Ukraine" als Ophrys taurica bezeichneten Orchidee setzen wir jetzt auf den Beistand der örtlichen Experten. Im Botanischen Garten von Nikita, 1812 von Stevens gegründet, treffen wir am 23. Mai mit dem Direktor zusammen, der uns seinen Mitarbeiter Wladimir Isikow als Führer überlässt. Wladimir zeigt uns zuerst einen Standort unterhalb des Botanischen Gartens, dem locus typicus von Ophrys oestrifera, die 1808 von Marschall Friedrich August von Bieberstein in seiner "Flora taurico-caucasica" beschrieben wurde:

bieberstein

 

epipactis turcica

     Locus typicus - das ist der Ort, an dem der Holotypus einer Art gefunden wurde, also die Pflanze, die als Grundlage der wissenschaftlichen Beschreibung diente. Wir fragen Wladimir nach dem bei Bieberstein genannten Ort Derekoi und Wladimir erklärt uns, dass dieser nicht mehr existierende Ort heute bei Васильевка (Wasiljewka) liegt. An diesem Standort oberhalb der Küste wachsen auch heute noch Ophrys oestrifera, die hier in niedriger Küstenlage schon weitgehend abgeblüht sind. Wladimir führt uns noch etwas tiefer einen schmalen Pfad hinab, der in ein Naturschutzgebiet führt, das am Eingang von einem Aufseher bewacht wird. Hier gibt es an einem Felsen über der Küste noch eine Oestrifera-Pflanze mit Blüte, zwei weitere mit verdicktem Fruchtknoten. Die Vegetation wird bestimmt von Flaumeiche, Kiefer, Wacholder und Ginster. Auf dem Rückweg finden wir neben Cephalanthera damasonium mehrere Epipactis-Pflanzen. Die ersten haben eher kurze, rundlich-oval geformte Blätter, und Karel erkennt in ihr die von ihm beschriebene Epipactis turcica - die bisher für die Krim noch nicht bekannt ist. 

Wanderung zur Krim-Ragwurz     

ophrys mammosaophrys taurica

Dann fahren wir alle Richtung Simferopol, unterbrochen von einer Kontrolle der Polizei, und weiter auf der Straße nach Sewastopol. An der Abzweigung nach Партизанское (Partisanskoje) biegen wir ab und halten kurz darauf. Wir ziehen die Schuhe aus und überqueren das Flüsschen Alma, kämpfen uns durchs Dickicht. Wladimir führt uns zu einem zauberhaften Berghang mit Blick auf den Stausee der Alma. Hier blühen viele Neotinea tridentata, zwei von ihnen in Weiß. Dann sehen wir zwischen niedrig wachsenden Quercus pubercescens und Juniperus eine zweite Ophrys-Art: Große dunkelbraune bis rötliche Blüten mit markanten Seitenhöckern der Lippe, klar gezeichnetem Mal und zweifarbigen seitlichen Sepalen, oben grünlich, unten rötlich. Das muss die Krim-Ragwurz, die Ophrys taurica aus dem Roten Buch der Geschützten Pflanzen der Ukraine sein, die korrekte Bezeichnung ist Ophrys mammosa subsp. taurica, also eine Unterart der Busen-Ragwurz.

bakly

     Wir gehen weiter und gelangen an einen weiteren Standort mit dieser Ophrys. Außerdem sehen wir viele Steveniella satyrioides, Orchis simia, Orchis purpurea, Anacamptis pyramidalis (aufblühend), Platanthera chlorantha, Himantoglossum spec. (knospend), Cephalanthera damasonium und Cephalanthera longifolia sowie Limodorum abortivum. Wladimir führt uns schließlich in die prähistorische Höhlensiedlung Bakly mit faszinierendem Ausblick bis zum Meer. Die Kalksteinhöhlen wurden von der Erosion gebildet und von ihren Bewohnern im zweiten und dritten Jahrhundert dann ausgebaut. Rudolf sagt: "Das ist ein Tag, an dem es sich zu leben gelohnt hat." Immer von Orchideen begleitet gelangen wir schließlich ins Nachbartal nach скалистое (Skalistoje). Dort warten unsere Fahrer Raschid und Bogdan auf uns und wir lassen alle zusammen den Tag beim Abendessen in einem Restaurant ausklingen.

mit Wladimir zu Stevens Knabenkraut

     Am 24. Mai führt uns Wladimir zu einer Wiese bei Перевальное (Perewalnoje). Von der Straße aus überqueren wir das Flüsschen Ангара (Angara) und steigen einen schmalen Pfad hinauf. Bald sehen wir im Wald unsere ersten Orchis mascula auf der Krim - vielleicht in der Form, die für die Osttürkei auch als subsp. longicalcarata beschrieben wurde. Der Sporn ist nur leicht nach oben gerichtet, der Blütenstand ist langgestreckt. Auf der Wiese ragen die violettfarbenen Köpfchen von Neotinea tridentata und die Knospen von Anacamptis pyramidalis aus dem hohen Gras heraus. Wladimirs Ziel ist ein Standort von Himantoglossum caprinum, nach einigem Suchen finden wir sieben Pflanzen, alle noch knospend. Besonders hübsch blüht dafür Paeonia centifolia - die dunkelrote Blüte ist etwas kleiner als bei Paeonia taurica im Wald. Wieder im Bachtal sehen wir noch einige Neottia ovata in voller Blüte.

paeonia

    orchis militaris stevenii Dann steigen wir ein weiteres Bachtal hinauf, im Nadelwald begleitet von Neottia nidus-avis, Cephalanthera damasonium, Cephalanthera longifolia, Platanthera chlorantha, Orchis purpurea und Dactylorhiza romana. In etwa 700 Metern Höhe gelangen wir in einen lockeren Eichen-Buchenwald mit kleinen Wiesenflächen und einer besonderen Rarität: Hier prangen stolze Blütenstände von Orchis militaris subsp. stevenii - benannt nach unserem Christian Steven. Die Blüten haben den vorgezogenen Helm von miliaris, aber eine schmalere Lippe und eine insgesamt hellere Farbe, der auffällige Sporn ist ganz weiß. "Das ist noch wichtiger als unser Ophrys-mammosa-Fund", freut sich Karel. "Bislang gibt es noch keine Angaben von stevenii auf der Krim." Wir sehen auch einige Orchis simia und Hybriden von Orchis militaris subsp. stevenii mit Orchis simia. Weiter oben blühen im Wald mehr als hundert Dactylorhiza romana, am Rand auch eine Steveniella satyrioides. 

     Bei einem leichten Gewitter steigen wir wieder ins Tal hinab und fahren nach Nikita. Dort verabschieden wir comperia comperianauns von Wladimir, der uns zwei Tage lang zu herrlichen Biotopen geführt hat. Ihm verdanken wir auch den Hinwei, dass Steven die Comperia comperiana 1829 in der Laspi-Bucht beschrieben hat - nach einem Hinweis des französischen Hobby-Botanikers Charles Compère, dem zu Ehren die Orchidee ihren Namen erhielt. So fahren wir noch einmal dorthin, um Comperia comperiana  am Locus typicus zu würdigen. Sie blüht gleich im oberen Teil des zur Bucht abfallenden Bergs, im lockeren Eichenwäldchen, zusammen mit Orchis punctulata. Auch Limodorum abortivum und Anacamptis pyramidalis fangen in 150 Meter Meereshöhe zu blühen an - letztere mit ungewöhnlich hochwüchsigen und dunkel blühenden Pflanzen. Etwas tiefer im Wald stehen kräftige Orchis purpurea.

     Ein sonniger Tag führt uns am 25. Mai weit nach Westen, bis in die Nähe von Sewastopol. Bei Inkerman erkunden wir einen ausgedehnten Wiesenhang mit kleinen Eichenwäldchen. Wir sehen eine einzige Himantoglossum, die aber auch orchis masculanicht blüht, Anacamptis pyramidalis, Orchis purpurea, Limodorum abortivum mit schönen Blüten und Cephalanthera damasonium. Am Nachmittag trennen wir uns. Karel und ich schauen uns zunächst am Fundort der Himantoglossum aus der vergangenen Woche um. Die Orchidee ist schon etwas weiter, aber noch nicht aufgeblüht. Dann fahren wir zum Chernaya-Tal. Schon auf den ersten 200 Metern des schmalen Pfades sehen wir sechs Orchideenarten: Neotinea tridentata, Anacamptis pyramidalis, Ophrys oestrifera, Comperia comperiana, Orchis purpurea, Cephalanthera damasonium. Wir staunen über die ungewöhnlichen Standorte von Ophrys und Comperia im Unterholz des dunklen Flusstals. Später sehen wir auch noch Orchis mascula, Cephalanthera longifolia und Neottia nidus-avis. Wir gehen flussabwärts durch einen romantischen Wald und steigen zuletzt noch einen Trockenhang hinauf mit Ophrys oestrifera, Diptam und Anthericum ramosum. Auf der Rückfahrt über Орлиное (Orlinoje) kommen wir an der Kirche von Foros vorbei, die auch von nahem sehr eindrucksvoll wirkt, aber leider schon geschlossen ist.

Andrena-Biene bestäubt Orchis simia

     Die wichtigsten Entdeckungen zur Orchideen-Flora der Krim liegen hinter uns, so dass wir an den letzten beiden Tagen der Reise getrennte Wege gehen. Mich beschäftigen die beim abendlichen Foto-Studium unbeantwortet gebliebenen Fragen zu Orchis militaris subsp. stevenii. So fahre ich am 26. Mai mit dem Trolleybus in Richtung Перевальное (Perewalnoe).

trolleybus

Da ich den Weg ja schon kenne, komme ich im Wald schnell voran, vorbei an Neottia nidus-avis, dann durch dichte Bupleurum-Bestände, bis die ersten Orchis militaris subsp. stevenii unter einem kleinen Birnbaum auftauchen. Jetzt werden mir die Merkmale klarer: Die unteren Lappen der geteilten Lippe sind breit, der Winkel zwischen Helm und Lippe ist kleiner als bei Orchis militaris subsp. stevenii, die den Helm bildenden Sepalen und Petalen sind an den Spitzen leicht nach außen gebogen, und die aufrecht stehenden Laubblätter haben in der längs verlaufenden Mitte eine deutlich erkennbare Rinne. Von den fünf Pflanzen dieser Gruppe sind vier gerade am Aufblühen, nur eine ist schon weiter. Etwa 25 Meter weiter oben folgt eine Gruppe von sechs Orchis simia, zwei Orchis militaris subsp. stevenii und einer Hybride aus beiden - mit schmalen und längeren Lippenlappen, diese sind aber nicht gebogen wie bei Orchis simia. An einer Blüte von Orchis simia finde ich noch einen Bestäuber, eine Solitärbiene (Andrena) mit den Pollinien am Kopf. Die Orchis simia sind auch in 700 Metern Höhe schon teilweise abblühend, die obersten Blüten zuerst. 

andrena

     Noch ein paar Schritte höher gibt es eine Gruppe von fünf Orchis simia, zwei Orchis militaris subsp. stevenii und einer großen, etwa 40 cm andrena2hohen Hybride mit Blüten in intensiver Färbung. Sie ist noch aufblühend, aber schon etwas weiter als vorgestern. Ich beobachte auch hier einen Bestäuber, der sich bei schwüler Witterung viel Zeit lässt. Das Biotop erstreckt sich am Rand eines Eichen-Mischwalds mit einer vielfältigen Begleitflora, unter anderem von Geranium sanguineum, Pulmonaria, Malva, Fragaria, Myosotis, Veronica taurica und Ajuga. Im oberen Eichenmischwald blühen Orchis purpurea, Cephalanthera longifolia, Platanthera chlorantha, Dactylorhiza romana und Steveniella satyrioides. 

    

steven

 Am letzten Tag der Reise laufe ich zu Fuß durch die Randbezirke von Alushta, zum ersten Mal ein Stück nach Osten. Sobald die Stadt der Natur Platz macht, tauchen die ersten Orchideen auf. In einem kleinen Wäldchen sehe ich Anacamptis pyramidalis, Cephalanthera damasonium, Orchis purpurea - die wohl häufigste Orchidee der südlichen Krim - und Anacamptis morio subsp. caucasica. Schließlich laufe ich zum Meer hinunter, wo ich zwischen Bauruinen von Apartmenthotels und den ersten abgezäunten Strandanlagen ein Stück freie Kiesküste zumBad im Schwarzen Meer finde. Am Abend tauschen wir wieder unsere Erfahrungen aus - Rainer und Werner haben den Bestäuber von Ophrys oestrifera gefunden, Eucera clypeata. 

     Vor dem Heimflug fahren wir noch einmal in den Botanischen Garten Nikita - mit eindrucksvollen alten Bäumen, einer umfangreichen Sammlung von Iris-Züchtungen und einer kleinen Ausstellung tropischer Orchideen - ohne einen einzigen Hinweis auf die einheimischen Arten der Krim. Im Park steht ein Denkmal für den Gründer des Botanischen Gartens, Christian von Steven (1781-1863), der unsere Reise so vielfältig begleitet hat - als Erstbeschreiber von Comperia comperiana und Orchis punctulata sowie in der Namensgebung von Steveniella satyrioides und Orchis militaris subsp. stevenii. 

botanischer garten

(diese und eine weitere Krim-Exkursion ist auch dokumentiert in Werner Hahn: Auf den Spuren von Christian von Steven. Orchideen- und Bestäubersuche im Krimgebirge 2011 und 2012. In: Berichte aus den Arbeitskreisen Heimische Orchideen Jg. 29/2012, Heft 2. S. 5-63)  

Artenliste

    • Anacamptis morio subsp. caucasica
    • Anacamptis pyramidalis

    • Cephalanthera damasonium
    • Cephalanthera longifolia

    • Comperia comperiana

    • Dactylorhiza romana

    • Epipactis turcica

    • Gymnadenia conopsea

    • Himantoglossum caprinum

    • Limodorum abortivum

    • Neotinea tridentata

    • Neottia nidus-avis
    • Neottia ovata

    • Ophrys mammosa subsp. taurica
    • Ophrys oestrifera

    • Orchis mascula subsp. mascula
    • Orchis militaris subsp. stevenii
    • Orchis punctulata
    • Orchis purpurea
    • Orchis simia

    • Platanthera chlorantha

    • Steveniella satyrioides