Baden

Karte Taubergießenanacamptis pyramidalisIn einer eindrucksvollen Blütenvielfalt zeigen sich im Mai die Wiesen im Naturschutzgebiet Taubergießen am Oberrhein, benannt nach den "tauben", das heißt vom Rhein abgeschnittenen Quellgewässern. Bei leichtem Nieselregen treffe ich am 17. Mai 2005 auf dem Parkplatz vor der Rheinfähre von Kappel nach Rhinau ein, etwa 15 Kilometer südwestlich von Lahr im Schwarzwald gelegen. Ein weiteres Mal besuche ich die Wiesen am 13. Mai 2016 mit der fachkundigen Führung von Harald Baumgartner. 

Der Hochwasserdamm bei Kappel, kurz vor der Rheinfähre nach Rhinau, ist ein beliebtes Ausflugsziel von Orchideenfreunden. Der nur drei bis sechs Meter breite Wiesenabschnitt des Hochwasserdamms lässt sich vom unteren Weg aus wie ein Garten betrachten.     

OrchideenwegAm Anfang des "Orchideenwegs", gekennzeichnet durch ein Schild mit zwei Ragwurz-Blüten, finden sich zwischen den blauen Blüten des Wiesen-Salbeis (Salvia pratensis) und dem vielfachen Weiß der Wucherblume (Leucanthemum vulgare) erste Blütenstände der Pyramiden-Hundswurz (Anacamptis pyramidalis), die erst am unteren Ende aufgeblüht sind. Schon weiter ist das Brand-Knabenkraut (Neotinea ustulata) mit seinen winzigen Einzelblüten und dem hübschen Farbkontrast von Purpur und Weiß. Wenige Schritte weiter gesellt sich auch das Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) dazu.   

neotinea ustulataophrys holosericaophrys sphegodesDas Prunkstück des Hochwasserdamms aber sind die Ragwurz-Orchideen, die zu Hunderten am unteren Abschnittdes Damms blühen. Zumeist ist es die Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica) mit ihren vielfältigen Varianten an Farben und Formen der einzelnen Blütenteile. Neben dem vorherrschenden Violett der Sepalen und der als kleine Dreiecke geformten Petalen finden sich auch hellere Töne bis hin zu grünlichem Weiß. Besonders auffällig ist eine apochrome Form der Hummel-Ragwurz mit einer weiß-gelben Lippe.

Dazwischen sind auch die dunkelbraunen Lippen der Spinnen-Ragwurz (Ophrys sphegodes) zu sehen. Und Hybriden von beiden Ragwurz-Arten mit ganz unterschiedlichen Blüten. Mal sind die Petalen kurz und dreieckig wie bei holoserica, mal langgestreckt und gewellt wie bei sphegodes. Die Form der Lippe gleicht bei den meisten Hybriden eher holoserica, das Mal sieht eher aus wie bei sphegodes. 

Ophrys holoserica x sphegodes

orchis militarisAm Damm wächst auch eine Gruppe von fünf Bocksriemenzungen (Himantoglossum hircinum). Die größten in einer Gruppe von fünf Pflanzen sind gut 60 Zentimeter groß, fallen schon von weitem ins Auge - und sind mit ihrem charakteristischen Duft auch zu riechen. Vereinzelt blüht auch der Ohnsporn (Orchis anthropophora). In den Wiesen unterhalb des Hochwasserdamms wächst auch das Helmknabenkraut (Orchis militaris). In den feuchten Wiesen tummeln sich die Hufeisen-Azurjungfer, die Gebänderte Prachtlibelle und die Dänische Eintagsfliege. Der Boden der Rheinauen wird bestimmt von kalkhaltigen Kiesrücken, bei den regelmäßgen Hochwassern wurde zudem feinkörniger Schlamm aus dem Rhein abgesetzt. Begünstigt wurde die Entstehung des einmaligen Orchideen-Standorts aber auch dadurch, dass die Wiesen lange Zeit im Besitz von Bauern der anderen Rheinseite waren. Da der Transport von Jauche und anderem Dünger über den Fluss zu mühsam war, blieben die Böden nährstoffarm, was zur idealen Voraussetzung für die Orchideen-Flora wurde. Vom Parkplatz aus folge ich dem Damm dann auch in nördlicher Richtung. Hier wachsen viele Orchis militaris auf beiden Seiten des Damms und auch noch einige Ophrys holoserica. Immer wieder ist der Kuckuck zu hören. An zwei Stellen am Waldrand haben Imker ihre Bienenkästen aufgestellt.

In der nebelfeuchten, regennassen Morio-Wiese

Vor der Erkundung der Wiesen in Taubergießen unternehme ich am 13. Mai 2016 mit Harald noch einen Abstecher in den Schwarzwald. Er will mir eine Wiese mit weiß blühendem Kleinen Knabenkraut (Anacamptis morio) zeigen. Südöstlich von Lahr, bei Schweighausen, erstreckt sie sich entlang eines Nadelwalds. Dichte Nebelschwaden ziehen durchs Tal, und es regnet. Aber die Wiese ist schön, mit etlichen Farbvarianten des Kleinen Knabenkrauts, dunkelviolett, rosa und weiß.

anacamptis morio

anacamptis morioAnacamptis morio f. albiflora 

Karte

 

 

 

 

 

 

Im Kaiserstuhl

Am 18. Mai 2005 schlage ich mein Zelt auf dem kleinen Campingplatz des Gasthauses "Zum Adler" in Breisach-Hochstetten auf, um am nächsten Morgen in den Kaiserstuhl aufzubrechen. An einem ungewöhnlich kühlen und windigen Tag - das Thermometer am Gasthaus zeigt nur sechs Grad an - geht es über Altvogtsburg Richtung Oberbergen zu einem Parkplatz rechts an der Straße. Hier beginnt an einem Felsabhang ein steiler Weg ins Naturschutzgebiet Badberg.

Von oben nach unten, das Affen-Knabenkraut

o simia

Schon bald nach Beginn der Wiesenfläche ist am Wegrand das seltene Affenknabenkraut (Orchis simia) zu sehen - teils in voller Blüte, teils noch mit Knospen im dicht besetzten Blütenstand. Bei bedecktem Himmel müssen die ersten Fotos noch mit zusätzlichem Blitzlicht aufgenommen werden; die Brennweite von 105 mm des Makro-Objektivs (Sigma) an der Nikon D70 ermöglicht auch Aufnahmen aus der Distanz. Orchis simia blüht von oben nach unten auf - im Unterschied zu allen anderen Knabenkraut-Orchideen. Die Gründe für diese botanische Besonderheit sind nicht bekannt.

Himantoglossum hircinum

Der schmale Pfad schlängelt sich zum Kammweg hinauf, der in nordöstlicher Richtung weiterführt. Auf dem Magerrasen sind auch wieder Anacamptis pyramidalis, Neotinea ustulata und das gerade erst erblühende Himantoglossum hircinum zu sehen. In rund 400 Metern Höhe ist die Natur noch nicht so weit wie im Rheintal bei Taubergießen. Auf der Höhe von Schelingen geht es wieder hinauf zur Haselschacher Buck, wo am Weg anfangs nur wenige Orchideen zu sehen sind. Da die Wolkendecke langsam aufbricht, kommen aber die Schmetterlinge wie der Kleine Heufalter oder der Brombeerzipfelfalter heraus.

himantoglossum hircinum

Smaragd-Eidechsen und Brand-Knabenkraut

Auf dem weiteren Weg zwischen Wald und Magerrasen sonnt sich eine Smaragd-Eidechse. Das letzte Stück des Weges, oberhalb eines Weinbergs gibt es wieder mehr Orchideen zu sehen: Orchis simia, das zur Orchidee des Jahres 2005 erklärte Brandknabenkraut (Neotinea ustulata), Anacamptis pyramidalis und auch eine Gruppe von Ophrys sphegodes. Der Weg endet am Parkplatz Vogelsang - von dort geht es der Straße entlang über Altvogtsburg zum Ausgangspunkt zurück.

Kulturlandschaft Badberg

BadbergDie Höhen des Kaiserstuhls bilden eine Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte hinweg von menschlichen Eingriffen geformt wurde. Die Wälder wurden schon früh für die Landwirtschaft gerodet, vor allem für den Weinbau. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lohnte sich die Landwirtschaft dort aber nicht mehr, die Wiesen blieben ungenutzt. Seit Mitte der 1970er Jahre wurden sie am Badberg von der staatlichen Naturschutzverwaltung gemäht. 

Bei den Waldvögelein im Liliental

Cephalanthera longifoliaZweites Tagesziel ist das Versuchsgelände Liliental der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA). Hier entstand nordöstlich von Ihringen auf einem ehemaligen Gutshof ein Refugium für zahlreiche Orchideenarten. Auf Lößboden mit hohem Kalkgehalt wachsen in lichten Wäldern hunderte von Orchideen - unter anderem Anacamptis pyramidalis, Orchis militaris, Neotinea ustulata, Orchis cephalanthera longifoliapurpurea, Orchis simia, Himantoglossum hircinum, Neottia ovata, Platanthera bifolia, das Schwertblättrige Waldvögelein (Cephalanthera longifolia) und das Bleiche Waldvögelein (Cephalanthera damasonium). Von der Ausflugsgaststätte aus schlängelt sich der Weg Nr. 3 in nördlicher Richtung eine leichte Steigung hinauf. Übersichtstafeln zeigen an zwei Stellen eine Orchideenwiese an. Aber schon vorher sind am Waldrand auf der rechten Seite die ersten Anacamptis-Orchideen zu sehen. Das Areal wirkt wie ein großer englischer Landschaftsgarten.

Der ehemalige Lilienhof bei Ihringen wurde 1957 von der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg erworben. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) legte hier zahlreiche Samenplantagen sowie eine Sammlung von Bäumen und Sträuchern an. Der Lößboden mit einem hohen Kalkgehalt bildete die Voraussetzung für einen reichhaltigen Orchideen-Standort - hier finden sich insbesondere die Arten der Biotop-Gattung Orchideen-Buchenwald. Löß ist eine Windablagerung aus Sanden der Oberrheinischen Tiefebene. Charakteristisch für das Liliental sind die Hohlwege durch den Wald und die sich darüber erhebenden Terrassen.

Knabenkrauthybriden

orchis militaris simiaorchis anthropophora militarisBeim zweiten Besuch zusammen mit Harald hört am 13. Mai endlich der Regen auf, die Sonne kommt zögernd raus. Auf dem Weg durch das eindrucksvolle Gelände fallen uns besonders große Knabenkräuter auf, Hybriden von verschiedenen Orchis-Arten. Die Verbindung von Orchis militaris mit Orchis simia führt zu Blüten mit länglich gebogenen Seitenlappen, der geteilte Mittellappen der Lippe ist kürzer, ähnelt damit eher Orchis militaris. Diese Pflanze blüht wie militaris von unten nach oben auf, es gibt aber auch Hybriden, bei denen die Blüten am Blütenstand etwa gleichzeitig aufblühen.

Auch bei der nächsten Hybride fallen die langen Seitenlappen auf, die hier aber nicht am Ende gebogen sind. Zudem haben diese Blüten einen kurzen Sporn. Und die Farbe ist gelblicher als bei der ersten Hybride. Es handelt sich um Orchis anthrophora x militaris, eine Hybride, die auch in der Eifel vorkommt.

Orchis militaris x purpureaOrchis anthropophora x simiaDie dritte Hybride ist die Verbindung von Orchis militaris mit Orchis purpurea, dem Purpurknabenkraut. Diese Pflanze Orchis militaris x purpurea ist besonders kräftig und leuchtet intensiv im Wiesengrün. Der Mittellappen ist breiter als bei militaris üblich, die Färbung ist heller als bei purpurea. 

Uner den vielen möglichen Verbindungen finden wir schließlich auch noch Orchis anthropophora x simia. Da hier beide Elternteile verlängerte Lippenzipfel haben, potenziert sich dieses Merkmal noch. In der Blütenfärbe bewirkt der Einfluss von Orchis anthropophora eine Aufhellung. 

Auf den Wegen durch diesen besonderen Orchideengarten sehen wir auch Oprys holoserica und Ophrys sphegodes, Neottia ovata und Neotinea ustulata. Ehe wir uns wieder auf den Rückweg machen, kehren wir zum Abschied noch im alten Lilienhof ein.

wiese

Artenliste

  • Anacamptis morio
  • Anacamptis pyramidalis

  • Cephalanthera damasonium
  • Cephalanthera longifolia

  • Himantoglossum hircinum

  • Neotinea ustulata

  • Neottia ovata

  • Ophrys holoserica
  • Ophrys sphegodes

  • Orchis anthropophora
  • Orchis militaris
  • Orchis purpurea 
  • Orchis simia

  • Platanthera bifolia