Provence

In den Bergen bei Nizza

Von Ligurien kommend fahren Klaus und ich am 2. Mai 2009 die Küste entlang nach Frankreich. Mit einiger Mühe bei Nizza die Straße hinauf zum Col d'Èze im Departement Alpes-Maritimes, in etwa 500 m Höhe. Hinter einem kleinen Hotel führt ein Weg in eine vom Thymian-Duft und Girlitz-Gesang erfüllte Garrigue-Landschaft mit einem beeindruckenden Blick auf die verschneiten Berge von Piemont.

bei nizza

Ophrys bertolonii subsp. benacensis Es dauert nicht lange und wir finden eine wunderschöne Ragwurz, die Insubrische Ragwurz (Ophrys bertolonii subsp. benacensis) - die Einstufung als Unterart von Bertolonis Ragwurz ist am ehesten plausibel, da sich die von Pierre Delforge auch genannten Arten Ophrys aurelia und Ophrys saratoi kaum von dieser Pflanze abgrenzen lassen. Wir suchen hin und her nach Unterschieden in Lippenform und anderen Merkmalen, sind aber schließlich ganz verwirrt. So vergessen wir erstmal die Fragen der Taxonomie und freuen uns an der besonderen Pflanze, deren Mal auf der Lippe silbern in der Sonne leuchtet. 

Zwischen Zistrosen wachsen hier auch die Schnepfen-Ragwurz (Ophrys scolopax), eine abblühende Rotbraune Ragwurz (Ophrys lupercalis) aus der Gruppe von Ophrys fusca, eine Ohnsporn-Orchidee (Orchis anthropophora) und Roberts Mast-Orchis (Himantoglossum robertianum). Das Tor zu unserer Provence-Exkursion könnte sich nicht schöner öffnen.

Ophrys splendida in der Abendsonne

Weiter geht es nach Westen, bis wir in Bagnols-en-Forêt Station machen, nördlich von Fréjus im Departement Var. Nachdem wir uns im schmucken Hotel Au Relais Provençal einquartiert haben, zieht es uns gleich wieder ins Freie. Wir laufen ein wenig die Straße entlang und steigen schließlich in einen Terrassenhang mit Flaumeichen und alten Olivenbäumen hinab. Hier lernen wir die hübsche Glänzende Ragwurz (Ophrys splendida) kennen. Es dauert eine Weile, bis wir sie sicher bestimmen können. Aber schließlich erkennen wir sie an der besonderen Randfärbung der Sepalen, die in der späten Abendsonne besonders schön im Gegenlicht leuchten.

Ophrys splendida

ophrys wurzel

serapias vomeracea

Auf dem Hang wachsen auch das Purpurknabenkraut (Orchis purpurea), die Bocksriemenzunge (Himantoglossum hircinum), das Bleiche  Waldvögelein (Cephalanthera damasonium), ein einzelner Violetter Dingel (Limodorum abortivum) und die Provenzalische Spinnen-Ragwurz (Ophrys sphegodes subsp. provincialis). Einige Ophrys sind leider ausgegraben - hier waren Wildschweine aktiv und haben sich über die Orchideen-Wurzelknollen hergemacht. In der Blüte einer Pflugschar-Stendelwurz (Serapias vomeracea) hat sich eine Wildbiene zur Nachtruhe gebettet. Wir kommen mit einem Mann ins Gespräch, der erst etwas ungehalten ist, weil wir auf seinem Grund sind, sich dann aber interessiert mit uns unterhält. Er ist am Abend herausgekommen, um grünen Spargel zu ernten, der hier wild wächst. 

auf einsamen Traumwiesen

ophrys sphegodes provincialisophrys arachnitiformisAm 3. Mai laufen wir die Straße in Richtung Norden entlang und bekommen am Waldrand bald die ersten Orchideen zu Gesicht. Wir studieren die Unterschiede von Ophrys sphegodes subsp. sphegodes und der Unterart provincialis und finden in einem Waldstück auch die Spinnenähnliche Ragwurz (Ophrys arachnitiformis), die bereits abblüht, aber an ihren hellen Blütenblättern und der schmalen Lippenform sowie an dem stärker gegliederten Lippenmal gut zu erkennen ist. Wir sehen auch Orchis purpurea, Cephalanthera damasonium mit ihrer Schwesternart, dem Schwertblättrigen Waldvögelein (Cephalanthera longifolia), Himantoglossum hircinum und robertianum. Gerade erst am Aufblühen ist Anacamptis pyramidalis.

Weiter wandernd in Richtung St. Paul-en-Forêt kommen wir auf eine ausgedehnte Wiese mit einem verlassenen Steinhaus. Hier blühen wieder Ophrys splendida, und viele Serapias vomeracea. Die Himantoglossum hircinum, die hier wachsen, haben grünliche statt bräunliche Lippenränder, aber auch die rötlichen Punkte in der Mitte. Unter den übrigen Pflanzen fällt mir das Weichhaarige Schwefelköpfchen (Urospermum dalechampii) auf.

haushimantoglossum hircinum

 

 

 

Eleganz im Thymian-Strauch

Schließlich laufen wir nach Südwesten und gelangen dort zwischen kleinen Nadelwäldern auf eine Magerwiese mit Wacholder, Thymian und Lavendel. Hier finden wir wieder wie bei Nizza Ophrys bertolonii subsp. benacensis, die sehr elegant aus dem Thymian herauswachsen.

Ophrys bertolonii subsp. benacensis

Auch einige prachtvolle Orchis purpurea stehen auf dieser Wiese, ebenso Ophrys sphegodes subsp. provincialis, Ophrys scolopax und die Schwarze Ragwurz (Ophrys incubacea). Auf dem weiteren Weg zurück nach Bagnols-en-Forêt begleiten uns immer wieder Ophrys splendida, sphegodes und scolopax.

bagnols en forest

Trockenflora auf Rhyolit

Am Abend fahren wir noch einmal mit dem Auto hinaus in Richtung Draguignan. An einem Aussichtspunkt mit Blick zum Massif de l'Estérel befinden wir uns inmitten einer interessanten Trockenflora auf rotem Vulkangestein (Rhyolit). Zwischen zahllosen Zistrosen entdecken wir einen Herzförmigen Zungenstendel (Serapias cordigera) mit intensiv roten Blüten und gefleckten Blättern, Limodorum abortivum und das Südfranzösische Kleine Knabenkraut (Anacamptis morio subsp. picta).

Melancholische Misteldrossel auf der Orchideenwiese

Nach trockener Hitze steht uns der Sinn am 4. Mai nach Feuchtwiese. Südöstlich von St. Paul-en-Forêt lassen wir uns von einem Froschkonzert zu einem großen Weiher leiten. In der Umgebung wachsen dreierlei Serapias: vomeracea, neglecta und olbia. Der Weiher selbst aber ist dicht zugewachsen. Dann fahren wir etwas weiter, zu einem alten, etwas heruntergekommenen Schloss, dem Chateau de Grimes. Dort wachsen auf einer feuchten Wiese Hunderte von Orchideen, das Lockerblütige Knabenkraut (Anacamptis laxiflora). Zu dem kleinen Paradies in Grün und Violett gehört das Gezirpe der Grillen und der leicht melancholische Gesang der Misteldrossel. Am Waldrand blüht die Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), und eine Stendelwurz (Epipactis spec.) ist gerade dabei, ihren Blütenstand zu entwickeln.

Anacamptis laxiflora

"Bonne chasse!"

bei St. VallierOphrys bertolonii x sphegodesAm Nachmittag sind wir in der Nähe von St. Vallier de Thiey, an der Kapelle St. Luce. Ein Schäfer kommt mit uns ins Gespräch, er kennt sich auch mit Orchideen aus. Er wünscht uns "bonne chasse", und wir erkunden die Garrigue-Landschaft mit Flaumeichen und Ginster. Eingehend studieren wir eine Hybride von Ophrys sphegodes mit Ophrys bertolonii subsp. benacensis: Die Sepalen sind grünlich wie bei sphegodes, die Lippe ist breiter als bei Ophrys bertolonii subsp. benacensis, hat von ihr aber etwas von der violetten Färbung erhalten und auch das charakteristische Mal. Außerdem studiere ich eingehend eine Himantoglossum robertianum mit sehr hellen Blüten, die einen grünen Rand haben. Während der Himmel immer dunkler wird und der Pirol vor dem kommenden Unwetter warnt, sehen wir oberhalb der Kapelle noch ein schönes Dreizähniges Knabenkraut (Neotinea tridentata) - gegenüber ist ein riesiger wilder Garten voll davon, aber mit einem hohen Zaun umgeben.

himantoglossum robertianumneotinea tridentata

Einen heftigen Regen- und Hagelschauer verbringen wir auf einem Supermarkt-Parkplatz in St. Vallier. Aber schließlich zieht es uns weiter, auf einen felsigen Hang mit interessanter Euphorbia-Macchia. Hier blüht das für diese Region charakteristische Südfranzösische Knabenkraut (Orchis olbiensis), eine ältere Verwandte von Orchis mascula. Die Pflanzen bleiben sehr viel kleiner und haben hellviolette hübsche Blüten.

orchis olbiensis

Im wieder einsetzenden Regen laufen wir über den Hang. Die kleinen Flaumeichen bieten keinen Schutz, aber die Vegetation ist einfach zu spannend. Zwischen Thymian, Schopfhyazinthe und dem gelben Klappertopf finden wir auch aufblühende Gymnadenia conopsea und eine Neotinea maculata, die hier in der Höhe noch in voller Blüte stehen.

Heide mit Schopf-Lavendel

Serapias-StudiumAnacamptis laxiflora mit Coenonympha pamphilusAm 5. Mai sind wir noch einen Tag in der östlichen Provence. Diesmal erkunden wir die südlich von Bagnols-en-Forêt gelegene Region in Richtung Frejus. Bei der Siedlung La Lieutenante kommen wir zu einer hübschen Wiese mit einer feuchten Senke, wo wieder Anacamptis laxiflora wachsen. Auf einer Pflanze hat sich ein Kleines Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus) niedergelassen.Außerdem ist hier alles voller Anacamptis morio.

Eingehend studieren wir die vier verschiedenen Serapias-Arten. Beim Südfranzösischen Zungenstendel (Serapias olbia) ist die rote Schwiele am Grund der Lippe geteilt - anders als bei Serapias lingua. Delforge unterscheidet Serapias olbia mit einer Lippenbreite bis zu 6 Millimetern und der etwas größeren Serapias gregaria. Die Übergänge sind aber fließend, die Unterschiede kaum erkennbar, so dass es plausibel scheint, wenn der Führer von Baumann/Künkele/Lorenz hier nur eine Art Serapias olbia kennt und Serapias gregaria als Synonym erwähnt. Eindeutiger ist die Sache beim Verkannten Zungenstendel (Serapias neglecta) und bei Serapias cordigera. Auch Serapias vomeracea fühlt sich hier zuhause.

serapias olbiaserapias cordigera

 

 

 

 

 

 

 

 

serapias neglecta
Einen Kilometer weiter südlich erstreckt sich eine ausgedehnte Heidelandschaft mit Wacholder, Thymian, Schopf-Lavendel, Zistrosen und Meereszwiebel. Diese Vegetation ist so eindrucksvoll, dass die Orchideen fast in den Hintergrund treten - aber die purpurnen Blüten von Serapias cordigera fügen sich prächtig in das Gesamtbild ein. Ein Stück weiter Richtung Puget kann ich eine Wildbiene beobachten, wie sie gerade sehr intensiv die weit geöffneten Blüten von Limodorum abortivum bestäubt.

limodorum abortivum

ophrys holoserica

Hier finden wir auch wieder Ophrys splendida, Ophrys scolopax und eine Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica). Wir folgen der Landstraße weiter und tauchen rechts und links immer wieder in die faszinierende Garrigue-Landschaft ein, die auf dem roten Rhyolit-Boden besonders wildromantisch wirkt. Die Orchideen-Flora beschränkt sich weitgehend auf Serapias und Anacamptis morio, die übrigen Pflanzen sind aber nicht weniger faszinierend. Bei La Bouverie gehen wir schließlich ein letztes Mal "ins Feld", verabschieden uns von der Garrigue und den Orchideen der Provence.  

 

 

Ophrys splendida

garrigue

Artenliste

  • Anacamptis laxiflora
  • Anacamptis morio subsp. picta
  • Anacamptis pyramidalis

  • Cephalanthera damasonium
  • Cephalanthera longifolia

  • Epipactis spec.

  • Gymnadenia conopsea

  • Himantoglossum hircinum
  • Himantoglossum robertianum

  • Limodorum abortivum

  • Neotinea maculata
  • Neotinea tridentata

  • Ophrys apifera
  • Ophrys arachnitiformis
  • Ophrys bertolonii subsp. benacensis
  • Ophrys holoserica
  • Ophrys lupercalis
  • Ophrys scolopax
  • Ophrys sphegodes subsp. provincialis
  • Ophrys sphegodes subsp. sphegodes
  • Ophrys splendida

  • Orchis anthropophora
  • Orchis olbiensis
  • Orchis purpurea

  • Serapias cordigera
  • Serapias neglecta
  • Serapias olbia
  • Serapias vomeracea